"Kompliziert und anfällig"

Der Entwurf für die Reform der Erbschaftssteuer füllt einen dicken Leitz-Ordner. "Kompliziert und anfällig für Rechtsstreitigkeiten", kommentiert Christian Gebell das umfangreiche Paragrafenwerk, über das gestern das Bundeskabinett entschieden hat.

Weiden/Amberg. (cf) Nach Ansicht des Weidener Steuerberaters, der als Fachberater für die Unternehmensnachfolge spezialisiert ist, sind die mittelständischen Betriebe mit vier bis zwanzig Beschäftigten die Hauptbetroffenen der Erbschaftssteuerreform. In dieser Größenordnung gibt es in der nördlichen Oberpfalz die meisten Firmen.

Für die Erben geht es um die steuerliche "Verschonung von Betriebsvermögen". Den Kleinbetrieben mit vier bis zwanzig Beschäftigten blieb bisher eine Lohnsummen-Prüfung in den Jahren nach dem Erbfall erspart. Wollen sie auch künftig von der Erbschaftssteuer verschont bleiben, darf sich bei der Lohnsumme in den nächsten sieben Jahren kaum etwas - nach unten - verändern.

Zu einer Versteuerung soll es bei Unternehmenswerten jenseits von 20 Millionen Euro kommen: Jede Mehrung in Höhe von 1,5 Millionen zieht dann eine Verminderung des Freibetrags von je 1 Prozent nach sich. Nach Ansicht des von NT/AZ befragten Experten ist ein Unternehmenswert von mehr als 20 Millionen Euro "relativ schnell erreicht".

Der Unternehmenswert errechnet sich aus dem (bereinigten) Jahresüberschuss im Durchschnitt der letzten drei Jahre - multipliziert mit dem Faktor 18,2 (vom Fiskus veranschlagte Rendite eines Investors auf das eingesetzte Kapital). So ergibt bereits ein Jahresüberschuss von 1 Million Euro einen Unternehmenswert von 18,2 Millionen Euro. Der mittelständische Erbe bleibt von dieser Besteuerung nur verschont, wenn er sich einer sogenannten "Bedürftigkeitsprüfung" unterzieht, in der er sein Privatvermögen völlig offen legt.

Nach Einschätzung von Christian Gebell definiert der Gesetzesvorschlag "eher ungenau" das Verwaltungsvermögen eines Betriebs, etwa das in Reserve gehaltene Grundstück oder den Pkw. Sie müssen danach mindestens zu 50 Prozent betrieblich genutzt werden. Die Erbschaftssteuerreform sorgt jedenfalls für Arbeitsplatz-Sicherung in der Steuerberater-Branche. Gebell: "Die Vielzahl der geplanten Änderungen hat Rechtsunsicherheiten zur Folge."

Wie sich Unternehmensnachfolge erfolgreich gestalten lässt, erläuterte am Mittwoch der Unternehmer Dietmar Wohlfart bei einer Veranstaltung der Sparkasse Oberpfalz Nord in Mitterteich. Der 57-Jährige hatte vor zwei Jahren (wir berichteten) das Vorzeigeunternehmen Hör Technologie von Alleininhaber Albrecht Hör (64) einvernehmlich übernommen.

Mittelstand: Andere Regeln

Seitdem investierte Wohlfart rund 6,5 Millionen Euro, steigerte den Umsatz um 20 Prozent und die Zahl der Beschäftigten von 240 auf 260. "Für den Mittelstand gelten andere Bewertungskriterien als für Google und Co", sprach Wohlfart die Bedeutung des Substanz- und Ertragswerts einer Firma an. Auch Sparkassen-Vorstand Hans-Jörg Schön mahnte, bei der Unternehmensnachfolge die "steueroptimierte Brille abzusetzen".
Weitere Beiträge zu den Themen: Sparkasse (9730)Juli 2015 (8666)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.