Konjunkturlokomotive Deutschland drosselt Tempo
Außenhandel bremst Aufschwung

Derzeit hakt es etwas im Getriebe. Dem Statistischen Bundesamt zufolge ist im dritten Quartal das Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zum Vorquartal um nur 0,2 Prozent gewachsen. Archivbild: dpa

Europas Konjunkturlokomotive drosselt ihr Tempo unerwartet deutlich. Die exportorientierte deutsche Wirtschaft wächst im dritten Quartal langsamer als der Euro-Raum insgesamt. Was bedeutet das für das Gesamtjahr?

Wiesbaden. Sinkende Exporte und die Verunsicherung der Unternehmen nach dem Brexit-Schock haben die deutsche Wirtschaft in den Sommermonaten gebremst. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im ersten vollen Quartal nach der Entscheidung der Briten um 0,2 Prozent gegenüber dem zweiten Vierteljahr. Das teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag in einer ersten Schätzung mit. Es war das schwächste Wachstum seit einem Jahr und weniger als im Euro-Raum insgesamt. Im Frühjahr hatte die deutsche Wirtschaft um 0,4 Prozent zugelegt.

Ökonomen hatten mit einem etwas stärkeren Plus im dritten Quartal gerechnet. Sie sind aber zuversichtlich, dass es sich nur um einen Ausreißer handelt. "Die deutsche Wirtschaft ist angesichts des Brexit-Schocks mit einem blauen Auge über den Sommer gekommen", sagte Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der Bank KfW.

Bremsspuren hinterließ im dritten Quartal der Außenhandel. Die Exporte sanken nach Angaben der Wiesbadener Behörde gegenüber dem Vorquartal leicht. Die Importe stiegen hingegen. Zuletzt war die Nachfrage nach Produkten "Made in Germany" außerhalb der EU zurückgegangen. Verunsichert wurde die Wirtschaft nach Angaben des Außenhandelsverbandes BGA auch durch die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen. Zugleich hielten sich die Unternehmen mit Investitionen in Maschinen und Ausrüstungen zurück.

Getragen wurde die Konjunktur vor allem vom Konsum der Verbraucher und den Ausgaben des Staates unter anderem für die Versorgung und Unterbringung Hunderttausender Flüchtlinge. Zwar trübte sich die Kauflaune der Verbraucher angesichts höherer Preise an den Zapfsäulen und allmählich steigender Inflation zuletzt etwas ein, sie ist aber immer noch hoch. Dazu trägt auch die historisch günstige Lage auf dem Arbeitsmarkt bei. Auch im Jahresvergleich verlor die deutsche Wirtschaft an Schwung. Bereinigt um die unterschiedliche Zahl von Arbeitstagen stieg das BIP im dritten Quartal um 1,7 Prozent. Im Frühjahr hatte es noch um 1,8 Prozent und zum Jahresauftakt um 1,9 Prozent zugelegt. Nach Angaben der europäischen Statistikbehörde Eurostat war das Bruttoinlandsprodukt im gemeinsamen Währungsraum um 0,3 Prozent und damit genauso stark wie im zweiten Vierteljahr gestiegen.

ZEW: Konjunkturerwartungen steigenDie Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten haben sich im November deutlicher aufgehellt als erwartet. Der Indikator des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) stieg zum Vormonat um 7,6 Punkte auf 13,8 Zähler. Das teilte das ZEW am Dienstag in Mannheim mit. Das ist der höchste Stand seit Juni. Die Bewertung der aktuellen Lage trübte sich dagegen überraschend ein, wenn auch nur leicht. Sie fiel um 0,7 Punkte auf 58,8 Zähler.

ZEW-Präsident Achim Wambach erklärte den Zuwachs der Erwartungskomponente mit positiven Konjunkturdaten aus den USA und China. "Die von der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ausgehenden politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten machten sich jedoch durchaus bemerkbar. Die gemeldeten Konjunkturerwartungen nach der Wahl waren weniger positiv als zuvor", ergänzte Wambach.

Die Umfrage des ZEW unter Analysten und Anlegern wurde vom 31. Oktober bis zum 14. November durchgeführt. Die US-Wahlen vom 8. November sind damit nur zum Teil in die Antworten der Befragten eingeflossen. (dpa)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.