Konjunkturprogramm mit Nebenwirkungen

Heizöl und Sprit sind in Deutschland so günstig wie seit Jahren nicht: Der Verfall der Ölpreise stärkt die Kaufkraft und schiebt die Konjunktur an. Aber es gibt auch Nebenwirkungen.

Der Absturz der Ölpreise dürfte der deutschen Wirtschaft Schwung verleihen. "Diese Entwicklung wirkt ähnlich wie ein kleines Konjunkturprogramm", sagte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann am Montagabend in Frankfurt. Die Bundesbank erwartet, dass die deutsche Wirtschaftsleistung in den beiden kommenden Jahren jeweils um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte höher ausfallen könnte als bisher angenommen, wenn die Rohölnotierungen so niedrig wie derzeit bleiben.

Rückgang um 50 Prozent

Seit Sommer sind die Rohölpreise um fast 50 Prozent abgesackt. Das hat auch den Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten einen kräftigen Schub verliehen. Wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag mitteilte, stieg der von ihm erhobene Indikator um 23,4 Punkte auf 34,9 Zähler. Das ist der höchste Stand seit Mai. "Langsam scheinen die ZEW-Finanzmarktexperten Vertrauen in die deutsche Konjunktur zurückzugewinnen", kommentierte Institutspräsident Clemens Fuest. Der Vertrauensgewinn hänge mit den günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zusammen. Fuest nannte den schwachen Euro und die niedrigen Ölpreise. Experten wie Ing-Diba-Chefökonom Carsten Brzeski sprechen von einem Konjunkturpaket, weil Verbraucher und Unternehmen in Ölimportländern entlastet werden.

Am Dienstag setzte sich der Rückgang der Ölpreise fort. Im Mittagshandel kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Januar 59,08 Dollar. Das waren 1,98 Dollar weniger als am Montag. Die US-Sorte WTI fiel im Vergleich zum Vortag um 1,59 Dollar auf 54,34 Dollar. Derzeit kostet Rohöl so wenig wie seit mehr als fünf Jahren nicht mehr. "Die Ölpreise befinden sich weiter im freien Fall", schrieb die Commerzbank in einem Kommentar. Auch der Preis für Rohöl der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) ging weiter zurück.

Verbraucher in Deutschland profitieren von der Entwicklung bisher. Ihre Geldbeutel werden an den Tankstellen geschont, weil Kraftstoffe nach ADAC-Angaben derzeit so günstig sind wie seit vier Jahren nicht mehr. Am Dienstag rutschte zudem der Preis für 100 Liter Heizöl erstmals seit fast fünf Jahren wieder unter die Marke von 60 Euro. Das geht aus den Preisdaten verschiedener Internet-Portale hervor.

Negative Inflationsrate

Angesichts des Verfalls der Ölpreise schließt die Bundesbank negative Inflationsraten in Deutschland nicht mehr aus. "Die Inflationsrate könnte in den nächsten Monaten sogar unter null sinken", sagte Weidmann. Die bereits auf 1,1 Prozent für 2015 gesenkte Prognose der Bundesbank dürfte damit nochmals unterschritten werden. Gleichzeitig betonte Weidmann: "Eine für einige Monate unter null liegende Inflationsrate stellt für mich noch keine Deflation dar." Ein solcher Preisverfall liege erst dann vor, wenn es zu einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale aus negativen Inflationsraten, Rückgängen der Wirtschaftsleistung und Lohnsenkungen komme: "Dieses Risiko ist weiterhin gering."
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