Krankenhäuser sehen Versorgung durch hohen Kostendruck gefährdet - Kliniken geht es wirtschaftlich immer schlechter
Kliniken schnappen nach Luft

Nur in großen Krankenhäusern wie dem Klinikum Weiden sind Investitionen wie in diesen nagelneuen Operationssaal wirtschaftlich. Bild: Steinbacher

Weiden. (räd) Auf Seite 100 steht die Wahrheit. Das Krankenhaus-Barometer 2013 verrät, wie es um die Kliniken in Deutschland steht - in wirtschaftlicher Hinsicht. Die Diagnose: Vielen von ihnen geht es immer schlechter. Exakt 50,7 Prozent schrieben im Jahr 2012 ein Defizit, ein Jahr zuvor waren es noch 31 Prozent.

Seit 2003 stellten in der mittleren und nördlichen Oberpfalz vier Häuser den Betrieb komplett ein: Den Anfang machte Neunburg vorm Wald, gefolgt von Eschenbach und Nabburg. Alle schlossen aufgrund wirtschaftlicher Probleme infolge zu geringer Auslastung. Einen Sonderstatus nimmt das ehemalige Bundeswehrkrankenhaus in Amberg ein, das vor allem wegen Umstrukturierungen dicht gemacht wurde.

Auslastung zu gering

Als Kennzahl für die Auslastung gilt die Bettennutzung. Dieser Kennwert geht laut bayerischem Krankenhausplan (Download s. rechte Spalte oben) seit mehr als 30 Jahren zurück - von 85 Prozent im Jahr 1980 auf 76,7 Prozent im Jahr 2012. "Für die Akutversorgung wird generell von einem anzustrebenden Bettennutzungsrichtwert von 85 Prozent ausgegangen", heißt es im Plan weiter. Der Oberste Bayerische Rechnungshof kam deshalb zu dem Schluss, dass allein bei den "Plankrankenhäusern rund 6000 Betten überflüssig" seien. "Ich kann das nicht überprüfen", stellt dazu Klaus Emmerich, Vorstand beim Kommunalunternehmen "Krankenhäuser des Landkreises Amberg-Sulzbach" und Fachbuchautor, lapidar fest. "Und ich will das auch nicht überprüfen." Und Josef Götz, Vorstand der Kliniken Nordoberpfalz AG, sagt: "Die Krankenhaus-Betten als alleinige Kenngröße zu nehmen, halte ich für sehr zweifelhaft."

Für Emmerich ist klar, dass man die Entscheidung, ob ein Haus schließen muss, nicht dem Markt überlassen dürfe. Denn: "Die kleinsten Krankenhäuser gehen als erstes." Die Studie der GKV bestätigt das. Getroffen habe es bei Schließungen vor allem "kleinere und kleinste Krankenhäuser" mit durchschnittlich 70 Betten. Zu dieser Kategorie gehörten auch die aufgelösten Hospitäler in der Oberpfalz - abgesehen vom Bundeswehrkrankenhaus Amberg. Götz wünscht sich, dass Krankenhäuser als Teil der Daseinsvorsorge gelten. Wie sein Kollege aus Sulzbach-Rosenberg betrachtet er rein marktwirtschaftliche Grundsätze eher kritisch. Zwar sei Wirtschaftlichkeit erforderlich. "Einen Wettbewerb als solchen würde ich nicht bejahen", drückt sich Götz vorsichtig aus. Klarer sagt es Emmerich: "Die Wirtschaftlichkeit muss beim Versorgungsauftrag zurücktreten. Priorität hat die wohnortnahe stationäre Versorgung der Bevölkerung."

Weg könnte weit werden

Sowohl Götz als auch Emmerich befürchten, dass bei weiteren Schließungen Menschen auf dem Land 30 bis 50 Kilometer zurücklegen müssten, um zum nächsten Krankenhaus zu kommen. "Das wäre gesellschaftspolitisch eine Katastrophe", so Emmerich. Die Strategien, um das zu verhindern, sind nicht überall gleich. Der Landkreis Amberg-Sulzbach will "so viel wie möglich anbieten, um für Patienten attraktiv zu bleiben". Die "Kliniken Nordoberpfalz" haben "Patientengruppen" gebildet: junge, mobile Menschen und ältere Bürger. Für Letztere soll es eine wohnortnahe Versorgung mit einem breiten Leistungsangebot geben. Dabei kooperieren die Kliniken auch mit externen Partnern.

Warum aber sind kleine Häuser eher bedroht? Die strukturellen Anforderungen sind immer gleich - "egal wie groß", erklärt Emmerich. Verwaltung, ärztliche Leitung, Pflegedienstleitung - alle diese Stellen müssen eingerichtet werden. Und das verursacht Kosten. Doch genau die sind das grundsätzliche Problem. "Seit 20 Jahren wird permanent versucht, die Kosten in den Krankenhäusern zu dämpfen", sagt Götz. Das zeige über die Länge der Zeit erhebliche Auswirkungen.

Götz macht keinen Hehl daraus, dass die Häuser an ihre Grenzen gelangt sind, was die Einsparmöglichkeiten angeht. Die Kommunen sind oft nicht in der Lage, die Defizite zu tragen. Zwar sei es legitim, so Götz weiter, wenn die Kassen Kosten senken wollen, doch dabei müssten auch die Besonderheiten des Gesundheitssystems berücksichtigt werden. Und im Vergleich mit europäischen Ländern, die ähnliche Standards wie Deutschland haben, bewegten sich die Ausgaben in Deutschland für stationäre Aufenthalte im Durchschnitt.

Gutachten zu Marktaustritten von Krankenhäusern

Gibt es eine jahrelange Schließungswelle in der deutschen Krankenhauslandschaft? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, hat der GKV-Spitzenverband die Klinikschließungen der letzten zehn Jahre untersuchen lassen. Die von den GKV beauftrage Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Schließung eines Krankenhauses nach Möglichkeit vermieden werde - selbst dann, wenn an Wirtschaftlichkeit und Relevanz für die Versorgung der Bevölkerung schon lange Zweifel bestünden. Vor allem öffentliche Träger und verantwortliche Politiker hätten aus wahlstrategischen Erwägungen Hemmungen. Es werde "um nahezu jeden Preis" an dem Haus festgehalten. Dies habe zu einer Strukturkrise geführt.

"Die aufgrund der hohen Marktaustrittsbarrieren unterbleibende ... Anpassung der Kapazität hat dazu geführt, dass viele Marktteilnehmer dauerhaft hohe Verluste erwirtschaften, von einer Insolvenz bedroht sind und keine optimale Versorgung mehr erbringen", kritisieren die Autoren. Sie gehen beispielhaft auch auf zwei Schließungen in der Region ein. Der Ablauf in Nabburg sei außergewöhnlich. Zuerst wurde aus öffentlicher Trägerschaft an einen privaten Betreiber übergeben. Der musste die Klinik dann schließen. Eschenbach könne als "beispielhaft für den Ablauf bei kommunalen Krankenhäusern" gelten: Zuerst Übergabe an einen Verbund mehrerer Landkreise, dann der Versuch wirtschaftlichen Stabilisierung. Und am Schluss ebenfalls die Einstellung des Betriebs.
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