Mini-Zinsen: Stiftungen in Not

Meist mildtätigen, sozial-karitativen Belangen sind die "rechtsfähigen" Stiftungen in der Oberpfalz gewidmet. In den vergangenen Jahren kam es zu zahlreichen Stiftungs-Neugründungen mit dem Ziel, Gutes zu tun.

Eigentlich sind Stiftungen die Gebenden für gemeinnützige Zwecke. Die Niedrigstzinsen setzen sie jedoch selber finanziell unter Druck. Fast alle Stiftungen der Oberpfalz hängen vom Kapitalmarkt ab und müssen deshalb ihre Ausschüttungen um mehr als die Hälfte einschränken. Die Not aus den wegbrechenden Zinserträgen führt zu Konsequenzen.

Weiden/Amberg. So denkt die Stadt Weiden bei ihren im Spätmittelalter gegründeten Stiftungen heute in eine "andere Richtung": "Weil der Kapitalmarkt keine Erträge mehr abwirft, könnten wir uns die Stiftungen als Geber von Darlehen vorstellen, etwa mit Schuldscheinen an die Stadt", sagt Stadtkämmerin Cornelia Taubmann. Oder die Stiftungen beteiligen sich am Wohnungsbau in Weiden und kommen dann über die Mieteinnahmen zu einer Brutto-Rendite von drei bis vier Prozent. "Am Kapitalmarkt ist oft nur ein Zins von einem Prozent zu holen."

"Uns steht extrem weniger Geld aus den Stiftungen zur Verfügung", betont Ambergs Oberbürgermeister Michael Cerny. Leidtragende seien die Sport- und Kulturvereine sowie die hilfsbedürftigen Menschen. Die Ausschüttung der von der Stadt Amberg betreuten Stiftungen habe sich teilweise auf weniger als ein Drittel verringert. So schwand der Zinsertrag einer Stiftung von 24 000 Euro im Jahre 2004 auf 6500 Euro 2014. Ein Segen, wenn der Anlage-Horizont einer Stiftung auf 30 Jahre ausgelegt ist: Das Zinsaufkommen ging in diesem Fall nur von 80 000 Euro (2004) auf etwa 60 000 Euro (2014) zurück.

Vor diesem dramatischen Hintergrund stellt OB Cerny die Sinnfrage: "Was ist wichtiger - der Stiftungszweck oder die Sicherung des Vermögens?" Eine Stiftung könne sich auf Dauer nicht nur als reine Vermögensverwaltung verstehen.

Dabei boomte in den vergangenen zehn Jahren die Gründung von öffentlichen Stiftungen für wohltätige Zwecke (mit steuerlicher Optimierung als nettem Nebeneffekt). In der Oberpfalz schnellte die Zahl von 174 im Jahre 2006 auf den Rekord von 239 empor (siehe Grafik). Diese anerkannten Stiftungen "öffentlichen und bürgerlichen Rechts" müssen ein Mindestvermögen von 100 000 Euro aufweisen. Weil der Erhalt des Grundstocks ein oberstes Ziel ist, muss jährlich eine gesetzliche Rücklage in Höhe der Inflationsrate erfolgen: Was zusätzlich auf Kosten der mageren Rendite geht.

"Nachschuss" der Stifter

Nach Informationen unserer Zeitung leisteten einige Wohltäter sogar einen "Nachschuss" aus ihrer Privatschatulle. Zur Werterhaltung des Grundstocks der Edmund-Bradatsch-Stiftung (Weiherhammer) mit einem Vermögen von 250 000 Euro spendierte Edmund Bradatsch 2014 eine fünfstellige Summe. Stiftungsbeirat Lars Engel: "Dieser Betrag wird helfen, die nächsten zwei Jahre zu überstehen, dann stellt sich die gleiche Frage wieder." Auch für die Wert-erhaltung der in der Region bekannten Stiftung "Engel für Kinder" (BHS corrugated, Familien Engel), ausgestattet mit 150 000 Euro, musste die freie Rücklage herangezogen werden. Eine immer wichtigere Rolle spielen beim derzeitigen Zins die Spenden, erläutert Lars Engel.

Wie arg die von der Europäischen Zentralbank (EZB) verordnete Niedrigstzins-Politik das gesamte Stiftungswesen belastet, zeigt das Beispiel der Weidener Maria-Seltmann-Stiftung, die mit einem zweistelligen Millionen-Kapital zu den größten ihrer Art in der Region zählt. Die Ausschüttung betrug vor wenigen Jahren noch mehr als 300 000 Euro, heute bescheidene 150 000 Euro.

Der Vorsitzende des Stiftungsbeirates, Ludwig Zitzmann, spricht von einer "schwierigen Phase": "Wir müssen auf Sicht fahren und unsere Anlage noch breiter streuen, etwa in dividendenstarke Aktientitel." Vorbei sind die lukrativen Zeiten mit einer jährlichen Rendite von sieben bis acht Prozent. "Das selbe Dauerthema" plagt laut Zitzmann auch die beiden Stiftungen der Sparkasse Oberpfalz Nord mit einem Vermögen von 2,8 Millionen Euro: Ihre Ausschüttung schrumpfte von 120 000 Euro auf inzwischen 50 000 Euro. Zitzmann rechnet mit einer weiteren Verringerung der Zinserträge.

Den relativ moderaten Immobilienpreisen in der nördlichen und mittleren Oberpfalz ist es geschuldet, dass auch Stiftungen mit "Grund und Boden" (bebaute und unbebaute Flächen, Wald, Wohnhäuser) eher mäßige Renditen erzielen. "Große Gewinne machen wir nicht," berichtet Nabburgs Bürgermeister Armin Schärtl. Nach Auskunft von Kämmerer Friedrich Lobinger bringt es die mit einem Vermögen von 2,9 Millionen ausgestattete Bürgerspitalstiftung Nabburgs aus dem Jahre 1346 lediglich auf knapp 50 000 Euro Einnahmen, "was einer Rendite von etwa zwei Prozent entspricht".

"Großes Problem"

Ähnlich verhält es sich mit der Spitalstiftung der Stadt Tirschenreuth aus dem Jahre 1254. Für das bebaute und das unbebaute Grundstück mit einem Wert von zusammen 920 000 Euro stehen Einnahmen und Ausgaben von 40 000 Euro im Haushalt. Bürgermeister Franz Stahl: "Wir haben sogar schon über eine Auflösung der Stiftung nachgedacht."

Das "große Problem" der Niedrigstzinsen für die Stiftungen ist inzwischen auch beim Bayerischen Städtetag angekommen. Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich u. a. mit Anlage-Alternativen. Dies bestätigte Johann Kronauer.
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