Mittelschicht lässt Federn

Obwohl es so wenig Arbeitslosigkeit wie schon lange nicht mehr gibt, ist der Anteil der mittleren Einkommen in Deutschland deutlich geschrumpft. Damit schrumpft auch das Potenzial für Innovationen, warnen Wirtschaftsforscher.

Vom Gehalt sorgenfrei leben, den Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen, später genug Rente haben: So funktioniert idealerweise das Leben in der Mittelschicht. Bröckelt diese, haben nicht nur die nach unten Abgestiegenen Probleme. "Gesellschaften mit einer kleinen Mittelschicht und hoher Ungleichheit bleiben unter ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten", sagt Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die Mittelschicht investiere traditionell stark in die Ausbildung ihrer Kinder. "Schrumpft sie, gibt es künftig weniger Potenzial für Innovationen."

Bruttoeinkünfte verglichen

Die deutsche Mittelschicht ist dünner geworden - obwohl die Arbeitslosigkeit derzeit so niedrig ist wie schon lange nicht mehr. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. Der Anteil von Haushalten mit mittlerem Einkommen ging demnach zwischen den Jahren 1993 und 2013 von 56 auf 48 Prozent zurück.

Verglichen haben die Forscher die Markteinkommen der Bevölkerung. Das sind die Bruttoeinkünfte aus Erwerbstätigkeit und Geldanlagen - vor der staatlichen Umverteilung durch höhere Steuern für Besserverdienende und Sozialtransfers für Ärmere. Nach der IAQ-Definition von Mittelschicht hat eine vierköpfige Familie zwischen 2000 und 7000 Euro brutto im Monat - das entspricht 60 bis 200 Prozent des Durchschnittseinkommens. Das erreichen heute weniger Menschen als vor 20 Jahren.

"Es ist für mehr Menschen schwierig, von ihrer Arbeit zu leben, weil sie nur noch Zugang zu Teilzeit- und Mini-Jobs haben", sagt Studienautor Thorsten Kalina. "Das betrifft auch Hochqualifizierte." Gerade ein Drittel der Unterschicht lebt ausschließlich von Erwerbsarbeit, das zeigen seine Daten. In der unteren Mittelschicht tun das mit 56 Prozent nur etwas mehr als die Hälfte.

Unschöne Prognosen

Kalina fürchtet, dass sich das Schrumpfen der Mitte fortsetzt. "Wenn das in Boomzeiten schon so ist, wandert in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten ein weiterer Teil der Mittelschicht nach unten." Tatsächlich zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Der Boom geht an vielen vorbei. Immerhin 15 Prozent der Deutschen gelten als arm oder armutsgefährdet. Für Geringqualifizierte ist das Armutsrisiko im Vergleich zu 2005 um sieben Prozent auf 30,8 Prozent gestiegen.

Der Einkommensabstand steigt, die Mitte schrumpft: Das bestätigen auch die Zahlen des DIW, das Nettoeinkommen betrachtet und Mittelschicht etwas anders definiert - als Einkommen zwischen 70 und 150 Prozent des Mittels: Zwischen 1997 bis 2013 schrumpfte so der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung von 64 auf 58 Prozent. DIW-Forscher Markus Grabka sagt: "Der derzeitige Boom hat nichts mit den Ursachen der wachsenden Ungleichheit in Deutschland zu tun." Das Land habe eher "die Reformschraube am Arbeitsmarkt überdreht".
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