Nach dem Votum in Großbritannien
Befreiungsschlag oder Absturz?

Egal wie das Votum am Donnerstag ausgegangen ist: Die Briten werden ihr Pfund behalten. Aber das Ergebnis der Abstimmung wird Auswirkungen auf die Finanz- und Aktienmärkte haben. Archivbild: dpa

Am Donnerstag haben die Briten entschieden, ob Großbritannien aus der EU ausscheiden soll. Damit wurde auch der Kurs bestimmt, wohin der deutsche Aktienmarkt in den kommenden Wochen und Monaten steuert.

Frankfurt. Am Tag der Abstimmung in Großbritannien hat der Markt klar auf einen Verbleib Großbritanniens in der EU gesetzt. Das sagte ein Börsianer am Donnerstag. Dies zeigte auch die kräftige Aufwertung des Pfund zum US-Dollar auf den höchsten Stand des Jahres. Wirklich spannend wird es allerdings erst heute, wenn erste Referendums-Ergebnisse vorliegen. Ein britisches Ja zu Europa wäre ein "echter Befreiungsschlag" für die Anleger, sagte Thilo Müller von MB Fund Advisory. Experten sehen angesichts des jüngst starken Laufs allerdings nur noch wenig Luft nach oben im Dax. Ein Plus von rund 400 Punkten im Dax direkt nach der Ergebnisbekanntgabe gilt als das maximal Mögliche. Mittelfristig hält Fondsmanager Müller dann einen Dax-Stand von 11 000 für möglich.

Was passiert, wenn die Briten aber austreten, mag sich kaum ein Börsianer vorstellen. Während manche Beobachter nur mit einem Verlust von wenigen Prozentpunkten rechnen, hält Analyst Volker Sack von der Nord-LB einen Rückfall bis auf 8600 Punkte für möglich.

Runter auf 7500 Punkte?


Aktienstratege Markus Herrmann von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) sieht den Dax bei einem geordneten Auszug der Briten bei 9000 Punkten, kann sich in einem Extremszenario bei einem "Rosenkrieg" mit der EU aber sogar einen Dax-Stand von 7500 Punkten vorstellen - dies wäre ein Abschlag von fast 40 Prozent auf das im vergangenen Jahr erreichte Hoch bei rund 12 400 Zählern. "Hierfür sehen wir aber eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit", räumte Herrmann ein.

Welche Branchen von einem Brexit besonders in Mitleidenschaft gezogen würden, liegt für die Börsianer auf der Hand: Hierzu gehören Exporteure wie Autobauer und der Investitionsgütersektor. Denn ein Brexit könnte den Euro zum britischen Pfund teurer machen und damit die Exportchancen schmälern. Auch einige Anlagen- und Maschinenbauer und Konzerne wie Siemens wären zu nennen, die Betriebsstätten auf der britischen Insel haben und langfristige Verträge erfüllen müssen. Ebenso wie die in Großbritannien aktiven Versorger RWE und Eon.

Handelsbarrieren möglich


Besonders arg dürfte es aber die Banken treffen. "Die Institute können derzeit grenzüberschreitend frei agieren und durch einen Brexit würden sich echte Handelsbarrieren auftürmen", sagt LBBW-Experte Herrmann. Die Briten sind zwar nicht Mitglied der Euro-Zone, aber der Kapitalverkehr und die Verflechtung der Banken mit anderen EU-Ländern sind eng. Ein Austritt aus der Union könnte - so die Befürchtung - daher zu einem Einbruch des Pfunds führen. Auch der Euro könnte an Außenwert verlieren, wenn der Brexit als Schwächung ganz Europas wahrgenommen wird und der Dollar im Gegenzug zulegt.

Allerdings haben sich die mächtigsten Notenbanker der Welt bereits zusammengetan, um das Schlimmste zu verhindern. So könnte bei einem Brexit der Kurs des britischen Pfundes abstürzen und womöglich der Zugang der Briten zu fremden Währungen völlig austrocknen, weil ausländische Banken nicht mehr bereit sind, gegen das Pfund Devisen anzubieten. Die Notenbanken - darunter die EZB und die Bank of England (BoE) - haben untereinander sogenannte Swap-Linien vereinbart. Das bedeutet: Bei Bedarf können die Währungshüter im Handumdrehen Milliardenbeträge in ihren jeweiligen Währungen gegeneinander tauschen und dadurch den womöglich ausgetrockneten Markt zwischen den Banken ersetzen. Die Versorgung der Bewohner des eigenen Währungsraums mit Devisen kann so gesichert werden. Auch könnte die EZB Pfund gegen selbst gedruckte Euro aufkaufen und so den Wechselkurs stützen.

Abstufung drohtIm Falle eines Austritts aus der EU will die US-Ratingagentur Standard & Poor's (S & P) Großbritannien die Bestnote für seine Kreditwürdigkeit entziehen. "Wenn Großbritannien sich für einen Brexit entscheiden sollte, dann wäre das AAA-Kreditrating fällig und würde innerhalb kurzer Zeit danach zurückgestuft werden", sagte Moritz Kraemer, Managing Director und Global Chief Rating Officer Sovereign Ratings bei S&P, der "Bild"-Zeitung. Dem Bericht zufolge führte Kraemer als Grund an, dass die politische Situation im Land bei einem Brexit weniger vorhersehbar wäre, auch weil es keinen wirklichen Plan für die Zeit nach einem Brexit gebe. (dpa)
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