Nach der Maßnahme der US-Notenbank
Zinserhöhung: Fluch oder Segen?

Die EZB unter Präsident Mario Draghi wird die Zinsen vorerst nicht erhöhen. Archivbild: dpa

Die US-Notenbank erhöht die Leitzinsen. Wen juckt das? Alle! Die Entscheidung in Washington hat Auswirkungen auf die ganze Welt - vom deutschen Häuslebauer bis zum chinesischen Exporteur.

Washington. Die US-Notenbank Fed hat am Mittwoch erstmals seit der Finanzkrise die Leitzinsen erhöht - das Kapitel "Rezession" ist damit geldpolitisch abgeschlossen. Einstimmig entschieden sich die Mitglieder des sogenannten Offenmarkt-Ausschusses zu dem Schritt. Doch Risiken bleiben. Wichtige Fragen und Antworten zur US-Zinswende:

Warum dreht die Federal Reserve nun wieder an der Zinsschraube?

Die Leitzinsen lagen sieben Jahren lang nahe Null und somit deutlich unter dem Normalniveau. Die Fed drückte die Zinsen so stark, um die in der Finanzkrise fast zum Erliegen gekommene Wirtschaft mit billigem Geld anzufachen. Langfristig kann eine solche Politik zu gefährlichen Blasen etwa auf dem Immobilienmarkt führen sowie zu ungesunder Risikobereitschaft oder Überschuldung. Somit musste die Fed irgendwann gegensteuern. Eine derzeit stabile Arbeitsmarktlage und gesundes Wachstum in den USA ließen den Moment als günstig erscheinen.

Warum sind die Leitzinsen in den USA so wichtig für die ganze Welt?

Die USA haben als größte Volkswirtschaft eine Leitwirkung. Vor allem aber: Viele Geschäfte rund um den Globus werden in Dollar abgewickelt, viele Anlagen in Dollar gehalten. Und der Dollar wird durch eine Zinsanhebung in der Heimat potenziell stärker, er wertet gegenüber anderen Währungen eher auf. Wer also Schulden in Dollar hat, seine Einnahmen aber in der eigenen Währung generiert, für den steigen künftig möglicherweise die Kosten. Das betrifft vor allem viele Unternehmen, etwa in Schwellenländern wie Brasilien, aber auch in der Türkei. Da die Entscheidung an den Märkten erwartet wurde, dürfte vieles allerdings schon vorweggenommen worden sein.

Gibt es weitere Risiken der Zins-anhebung?

Viele. Die Fed muss eine Balance finden. Sie tat den ersten Schritt sehr vorsichtig. Zieht sie zu zögerlich und zu spät nach, verpufft möglicherweise die Wirkung. Schreitet sie mit weiteren Anhebungen zu forsch voran, könnte sie das Wachstum in den USA abwürgen und den Dollar so stark und damit für Ausländer so teuer machen, dass sich weniger Kunden Waren aus den USA leisten können. Die Exporte könnten einbrechen.

Wie geht die Zinswende technisch vor sich?

Fed-Chefin Janet Yellen kann nicht einfach mit dem Finger schnippen - und schon sind die Zinsen höher. Bei früheren Erhöhungen der kurzfristigen Leitzinsen verkaufte die Notenbank so lange Anleihen mit kurzfristiger Laufzeit aus ihrem Besitz, bis das gewünschte Zinsniveau erreicht war. Das geht aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr - unter anderem, weil die Banken in billigem Zentralbankgeld schwimmen und die Fed deswegen nur unter Einsatz großer Summen den Marktzins steuern könnte. Diesmal wird sie die Zinsen auf die Einlagen der Geschäftsbanken erhöhen. Dies bedeutet aber, dass der Steuerzahler in den USA einen Teil der Zeche zahlt. Eine Hochrisiko-Unternehmung im Wahljahr, wo doch die Banken ohnehin schon sechs Milliarden Dollar an Zinsen von der Fed einstreichen.

Werden die Zinsen auch im Euro-Raum bald erhöht?

Nein. Damit ist vor 2017 nicht zu rechnen. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Geldschleusen gerade erst noch weiter geöffnet und unter anderem das vor allem in Deutschland umstrittene Kaufprogramm für Staatsanleihen sowie andere Wertpapiere um ein halbes Jahr verlängert. Bis mindestens zum März 2017 sollen so monatlich 60 Milliarden Euro in den Markt gepumpt werden, insgesamt 1,5 Billionen Euro. "Wenn es dann nicht reicht, können wir weitermachen", betonte EZB-Präsident Mario Draghi. Ziel der Maßnahmen ist es, die Konjunktur anzuschieben und die Mini-Inflation im Euro-Raum nach oben zu treiben. So lange das Programm läuft, wird die EZB den Leitzins nahe der Nulllinie lassen. Das ist gut für Häuslebauer, die ihre Immobilie extrem günstig finanzieren können. Aber es ist schlecht für Sparer, weil vermeintlich sichere Anlagen kaum Geld abwerfen.

Was bedeutet die Zinserhöhung in den USA für Europa?

Der teure Dollar macht Importe aus dem Dollar-Raum teurer - und stärkt somit die zu niedrige Inflation in Europa. Auch die Benzinpreise werden wohl leicht nach oben gehen, weil Rohöl in Dollar gehandelt wird. Urlauber müssen bei Reisen in die USA wohl tiefer in die Tasche greifen. Gleichzeitig werden hiesige Produkte aber auf dem Weltmarkt günstiger.

Was die US-Zinswende für Verbraucher bedeutetNach fast zehn Jahren hat die US-Notenbank Fed den Leitzins erhöht. Jetzt hängt viel davon ab, wie die Europäische Zentralbank (EZB) auf diese Entscheidung reagiert. "Solange es in Europa keine Leitzins-Erhöhungen gibt, sind Verbraucher in Deutschland nicht unmittelbar betroffen", sagt Annabel Oelmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Eine Übersicht, was das im Einzelnen für Anleger, Kreditnehmer und Sparer in Deutschland bedeutet:

Immobilien: "Es ist zu erwarten, dass die Zinsen im Kreditbereich anziehen", sagt Oelmann. Das bedeutet: Wer heute Schulden hat, muss nach der Zinserhöhung damit rechnen, dass er für seinen Kredit auch mehr bezahlen muss - jedoch nur, wenn auch die EZB entsprechend handelt. "Zinssteigerungen sollten Verbraucher in der Planung ihrer Anschlussfinanzierung berücksichtigen", rät die Finanzexpertin. "Braucht jemand in den kommenden zwei Jahren eine Anschlussfinanzierung, sollte er schon jetzt nach günstigen Angeboten Ausschau halten", sagt Hartmut Schwarz von der Verbraucherzentrale Bremen. Kreditnehmer sollten möglichst auf Verträge mit einer langen und festen Zinsbindung setzen. Denn dann können sie von den derzeit noch niedrigen Zinsen auch in den nächsten Jahren profitieren und so ihre Schulden schneller tilgen.

Sparanlagen: Die Sparzinsen in Europa orientieren sich am Euribor, dem Zinssatz, zu dem sich Banken gegenseitig Geld leihen. "So lange, wie die EZB die Finanzmärkte mit Notenbankgeld flutet, ist ein Anstieg der Sparzinsen in der Euro-Zone unwahrscheinlich", erklärt Oelmann. Wer darüber nachdenkt, sein Vermögen in Festgeld zu investieren, sollte es vorerst nur mit einer Laufzeit von zwei Jahren anlegen, rät Max Herbst von der FMH-Finanzberatung in Frankfurt am Main. In der Übergangszeit können Sparer von etwa 1,4 Prozent Zinsen bei deutscher Einlagensicherung profitieren. "Mit dieser Strategie bleiben Anleger einigermaßen flexibel." Sie könnten dann auf mögliche steigende Zinsen reagieren, falls die EZB ihr Anleihenprogramm beendet hat.

Aktien: Die Fed plant für das kommende Jahr eine schrittweise Zinserhöhung. Anleger, die Aktien von US-Unternehmen halten, müssen mit leicht sinkenden Renditen rechnen, sollte die Fed die Zinsen schon bald erneut erhöhen, erklärt Oelmann. Ansonsten gilt: "Die angekündigte Zinssteigerung ist am Markt längst eingepreist", sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Angesichts der Ungewissheit der Entwicklung bei den Zinsen und Aktienmärkten rät Nauhauser: "Da hilft nur eine Verteilung der Geldanlagen weltweit auf verschiedene Anlageklassen." (dpa)
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