Nachwuchs dringend gesucht

1600 Lehrstellen bleiben im ostbayerischen Handwerk unbesetzt. "Die tatsächliche Zahl ist weit höher. Viele Betriebe haben Sorgen", sagt Handwerkskammer-Präsident Dr. Georg Haber. Können junge Flüchtlinge den enormen Fachkräftebedarf decken? In Niederbayern und der Oberpfalz stehen bereits 200 Asylbewerber in Ausbildung.

Weiden/Amberg. Doch so einfach ist es nicht, die großen Lücken bei Bäckern und Metzgern oder in Autowerkstätten mit Flüchtlingen zu füllen. Im Gespräch mit unserer Zeitung spricht Präsident Haber eine ernüchternde Erfahrung an. Im Juli endete ein zweijähriger Kurs der Berufsintegrations- bzw. Vorbereitungsklassen an den Berufsschulen: "Nur 10 bis 15 Prozent der 1500 jungen Asylbewerber war danach ausbildungsreif. Das heißt, 85 bis 90 Prozent brauchen weiter unsere Hilfe."

Viele Studienabbrecher

Haber rechnet hier mit weiteren 3 bis 5 Jahren Sprachtraining und Betreuung. Er warnt ausdrücklich davor, die Flüchtlinge als Azubi abzuschreiben. "Diese Gruppe ist sehr heterogen: vom pfiffigen Studenten aus Syrien bis zum traumatisierten Asylbewerber aus Afghanistan." Für die Handwerksbetriebe stellten sie eine große Chance dar, qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen.

Im Februar hatte die Handwerkskammer ihre 9000 Mitgliedsbetriebe in Ostbayern wegen der Flüchtlinge angeschrieben. Daraus ergaben sich im Frühjahr 900 Zusagen für Praktika. "Speziell zu diesem Thema" richtete die Handwerkskammer zwei hauptamtliche Stellen in Schwandorf und Passau ein.

Das Ringen um den Fachkräfte-Nachwuchs ist jedenfalls voll im Gange. In diesem Zusammenhang bekräftigt Präsident Haber seine Kritik am "Akademisierungs-Wahn". Selbst Lehramtsanwärter mit einem Notendurchschnitt von 1,4 fänden keine Anstellung, der Anteil der Studienabbrecher betrage 30 Prozent. "Viele Studenten haben von der akademischen Ausbildung eine falsche Vorstellung." Dagegen liege die Abbrecher-Quote der Meister bei "null Prozent", fünf bis zehn Prozent würden die Prüfung nicht bestehen. Im Gespräch mit unserer Zeitung betonen Haber und stellvertretender Hauptgeschäftsführer Hans Schmidt die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung. "Wir brauchen beide Qualifikationen, aber im richtigen Verhältnis."

Stimmige Karriereplanung

Haber und Schmidt werden nicht müde, die "besten Verdienst- und Karriere-Möglichkeiten" im Handwerk zu unterstreichen. Hintergrund: Mehr als die Hälfte der (immer weniger) jungen Menschen beginnen ein Studium, nur sieben Prozent der Abiturienten an Gymnasien wählt eine Ausbildung. Gerade im ländlichen Raum sichere das Handwerk die Grundversorgung und bilde ein stabilisierendes Element.

Schmidt: "Die Demografie verschärft den Verteilungskampf um die Jugend. Die Betriebe müssen sich noch kreativer um den Nachwuchs kümmern, um das Handwerk attraktiv zu machen."

Acht Wochen Wartezeit

Dabei "geht es dem Handwerk konjunkturell gut" (Haber). Die Wartezeiten der Kunden für einen Handwerker betragen zum Teil mehr als acht Wochen. "Die Personal- und Karriereplanung im Handwerk muss aber noch stimmiger und ordentlicher werden", meint Haber.
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