Nürnberger IT-Dienstleister Datev wird 50
Ein Kind des Wirtschaftswunders

Mitarbeiter der Nürnberger Datev bei der Archivierung von Magnetbändern. Bild: Datev eG/dpa
 
Noch bis Ende März ist Dieter Kempf, Chef der Datev. Bild: dpa

Nürnberg. Es war Mitte der 1960er Jahre, als Heinz Sebiger der Kragen platzte: Um für Unternehmen endlich auch die Buchführung übernehmen zu können, hatte sich der Steuerberater eine teure Buchungsmaschine in seine Kanzlei am Nürnberger Hauptmarkt gestellt. Als er feststellte, dass die kaum mehr leistete als ein besserer Computerdrucker und die eigentliche Buchungsarbeit weiterhin an ihm hing, reifte bei dem damaligen Mittvierziger der Entschluss: "Jetzt ist endgültig Schluss mit der manuellen Buchführung", erzählte Sebiger später, der das Unternehmen von 1966 bis 1996 leitete.

Eine Genossenschaft, so keimte in ihm der Gedanke, sollte mit den neuen Möglichkeiten der damals noch jungen elektronischen Datenverarbeitung die Buchführung automatisieren - die Grundlage für den Nürnberger Informationsdienstleister Datev war gelegt. Denn klar war: Allein konnte sich seinerzeit kein Steuerberater die Auslagerung der Buchführung an eines der wenigen Rechenzentren leisten. Und preiswerte PCs gab es damals noch nicht.

Gehaltsabrechnungen


Aus der im Februar 1966 gegründeten "Datenverarbeitungsorganisation der Steuerbevollmächtigten für die Angehörigen des steuerberatenden Beruf der Bundesrepublik Deutschland" - kurz: Datev - ist inzwischen eines der größten IT- und Softwarehäuser Europas geworden. Fast jeder vierte deutsche Arbeitnehmer kommt mit dem Unternehmen allmonatlich beim Blick auf seinen Gehaltszettel in Berührung. Denn die Datev erstellt für 11 Millionen Beschäftigte die monatlichen Lohn- und Gehaltsabrechnungen. Hunderttausende von Firmen wickeln über die Datev außerdem ihre Buchhaltung und Teile ihres Zahlungsverkehrs ab.

Wie so viele Unternehmen war auch die Datev aus der Not geboren: Als zum Höhepunkt des deutschen Wirtschaftswunders der Markt für Buchhalter leer gefegt war, versuchten immer mehr Unternehmen ihre Buchhaltung auszugliedern - und suchten bei ihren Steuerberatern Hilfe. "Aber auch uns als Steuerberater fehlten die Arbeitskräfte", berichtet der heute 92 Jahre alte Datev-Mitbegründer. Die Gründung der Genossenschaft brachte schließlich die Lösung.

Zunächst mit Hilfe der IBM, später in eigenen Rechenzentren, bot die Datev den angeschlossenen deutschen Steuerberatern eine Datenplattform und einen EDV-Service an. Der anfänglich nur aus zwei Mitarbeitern bestehende Dienstleister fungierte zunächst für die Nürnberger Steuerberater, von Oktober 1966 an bundesweit als Rechenzentrum für die Freiberufler der Branche. Dabei ist das Grundprinzip heute ähnlich wie früher: Die Unternehmen liefern ihren Steuerberatern Belege und Abrechnungen, der Berater prüft und ergänzt sie und sondiert steuerliche Möglichkeiten. Die Datev sendet schließlich die fertige Steuererklärung elektronisch ans Finanzamt.

"Datensafe"


Dabei hat die Datev von Jahrzehnt zu Jahrzehnt von den Fortschritten bei der elektronischen Datenspeicherung und der Datenübertragung profitiert. Zunächst lieferten die Datev-Mitglieder ihre Daten auf Magnetbandkassette, später auf Disketten oder USB-Stick an. Inzwischen ruhen die hochsensiblen Steuerdaten der Steuerberaterkunden auf einem streng gesicherten "Datensafe", wie Datev-Sprecher Till Stüve erläutert. Speicherplatz: mehr als 47 000 Terabyte. Dort werden die Kundendaten vom jeweiligen Steuerberater bearbeitet und später von der Datev ans zuständige Finanzamt auf elektronischem Wege verschickt.

Inzwischen gibt jedes zweite deutsche Unternehmen über Datev seine Umsatzsteuervoranmeldung bei den Finanzämtern ab. 6780 Mitarbeiter hat die Genossenschaft zuletzt beschäftigt, knapp 844 Millionen Euro Umsatz hatte sie 2014. Zum 1. April bekommt die Datev eG mit Robert Mayr einen neuen Chef. Er folgt auf Dieter Kempf, der das Unternehmen die vergangenen 20 Jahre geleitet hat.
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