Porzellan erfindet sich neu

Hochleistungs-Keramik heißt das neue Zauberwort in der Branche. Mit herkömmlichem Porzellan für die Vitrine ist auf dem Weltmarkt nicht mehr zu bestehen. Über die Zukunft des "weißen Golds" der Region diskutierten im Porzellanikon Selb wichtige Entscheidungsträger.

Selb. (cf) Mut machende Beispiele sind die Firmen CeramTec und BHS tabletop AG (Bauscher Weiden und Schönwald). CeramTec investierte in den Standort Marktredwitz 50 Millionen Euro seit drei Jahren: Mit einer Million keramischer Hüft-Köpfe im Jahr aus Hochleistungskeramik ist das Unternehmen Weltmarktführer. Geschäftsführer Peter Stroetgen: "Jede zweite Hüft-OP auf dem Globus erfolgt mit unserer Keramik."

Die High-Tech-Rezepturen finden sich in der Raumfahrt ebenso wie in Windrädern und Solarzellen, in Autos oder als Anlaufspuren auf Skisprungschanzen. "Unsere Keramik ist fast so hart wie Diamant," sagt Stroetgen. Wegen der starken Expansion ist in Marktredwitz eine weitere Ofenhalle in Bau. Zum Weltmarktführer für Profi-Porzellan in der Hotellerie und Gastronomie entwickelte sich auch die BHS tabletop: mit höchst funktionalen und formschönen Produkten. Marketingleiterin Birgit Dubberke setzt auf das "aktive Einbringen" der Mitarbeiter mit 1000 Verbesserungvorschlägen im Jahr. Jeder Beschäftigte erhält einen Bonus von 20 Prozent der Einsparungen. BHS tabletop exportiert in 170 Länder. Nachdem die Reise- und Touristbranche kräftig wächst, ist Dubberke recht zuversichtlich. Sie brachte bei der vom Direktor des Porzellanikons, Wilhelm Siemen, sachkundig moderierten Diskussion auch den Hygiene-Aspekt des Porzellans ein.

Dass die technische Keramik seit Jahren boomt, bestätigte René Holler, Hauptgeschäftsführer der Keramischen Industrie. Positiv entwickle sich die Sanitär-Keramik; mit einer "stagnierenden Seitwärts-Entwicklung" haben es die Ofenkachel-Hersteller zu tun. Einen Überlebenskampf führen die Manufakturen. Holler: "Für sie sehe ich noch kein Licht am Ende des Tunnels."

Als einen Risikofaktor in Deutschland betrachtet Holler die enormen Energiekosten: Ein keramischer Betrieb werde im Durchschnitt mit jährlich 450 000 Euro für Strom und 270 000 Euro EEG-Umlage belastet. "Das sind Kosten, die der französische Mitbewerber nicht hat." Holler forderte, alle Regulierungen auf den Prüfstand zu stellen. Er hofft auf das Freihandelsabkommen TTIP, wodurch 25 Prozent Zoll in den USA entfalle. Sorge bereitet ihm der "wegsterbene Fachhandel" in Deutschland mit jährlich mindestens 40 Geschäftsaufgaben.

Bei der fast dreistündigen Diskussion kam Bedauern über die geringe Wertschätzung des Porzellans in der Öffentlichkeit auf. Dringend notwendig seien mehr Kommunikation und Eigenwerbung der Branche.
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