Prags Einkaufsstätten verändern sich: Immer mehr Supermärkte, immer weniger kleine Läden - ...
Hypermärkte rücken Tante Emma auf den Pelz

Tante-Emma-Läden könnten bald nur noch im Museum - wie hier im Bild im Stadtmuseum Amberg - zu sehen sein. Auch in Prag verdrängen immer mehr die großen Märkte den "Laden um die Ecke". Bild: uax
"Pastete? Bitte sehr, ich kann Ihnen welche mit Entenleber anbieten, Brüssler Art oder mit Pilzen." - "Mit Entenleber, bitte, 15 Deka. Die sieht ja echt lecker aus!" - Gute Wahl! 15 Deka? ... Jetzt habe ich hier 16." - "Ja, lassen Sie es so. Danke!" - "Möchten Sie nicht noch rohen Schinken oder geräucherten Schweinebauch? Letzterer ist frisch aus dem Ofen, noch ganz warm!" So oder ähnlich spielen sich die Dialoge ab, die ich bei meinem Privatfleischer um die Ecke in Prag führe.

Da herrscht noch die alte Schule. Kleine Kinder an der Hand der Mutter bekommen automatisch eine Scheibe gekochten Schinken über die Theke gereicht. Meine verfressene und verwöhnte Katze Mourinka würde vermutlich auch etwas abfassen, wenn ich sie mitbrächte. Fleisch und Wurst sind frisch, das Rinderfilet wird selbstverständlich auf Verlangen zu Tatar durchgedreht, spezielle Dinge wie Tafelspitz oder Kalbsschnitzel können bestellt werden.

Ich habe bei meinen zahlreichen Umzügen in Prag immer darauf geachtet, dass ich eine Einkaufsstraße mit vielen Tante-Emma-Läden in der Gegend hatte. Doch ich gehöre zu einer aussterbenden Spezies. Die kleinen Geschäfte verlieren mehr und mehr Kunden. Nur für einen von zehn Tschechen sind sie noch die wichtigste Einkaufsquelle, sagt eine neue Statistik. Vor allem Leute wie ich mit Zeit kaufen dort gern ein. Die meisten, vor allem ältere Prager, müssen mehr aufs Geld achten und lassen sich von Sonderangeboten in die Supermärkte locken. Mein "Kaufland" ist an jedem Donnerstag voll von Rentnern, denn dann ist vieles preiswerter.

Wochenmärkte beliebt

Immer mehr im Kommen sind die Wochenmärkte, auf denen man ganz frisches Obst und Gemüse bekommt und garantiert auch ein Päuschen bei einem Bier oder einem Kaffee machen kann. Kleinigkeiten kauft der Prager beim billigen Vietnamesen um die Ecke oder in den Spätverkaufsstellen, die eigentlich auch Frühverkaufstellen sind, denn sie haben von 6 bis 23 Uhr geöffnet.

Hier sind die Preise aber deutlich höher. Hier geht man denn auch nur hin, wenn man etwas vergessen hat. 43 Prozent der Tschechen richten sich eigenen Angaben nach an den Sonderangeboten aus. Der Trend geht (leider) eindeutig zu den Super- und Hypermärkten. Und die machen die kleinen Läden zunehmend kaputt. Fragt man die Menschen, was sie dahin zieht, dann werden neben den Sonderangeboten vor allem die Parkmöglichkeiten genannt. Die Prager Gassen sind eng und zugeparkt, die großen Einkaufszentren auf der grünen Wiese lassen tatsächliche Großeinkäufe zu, die man dann auch mit dem Auto bequem nach Hause befördern kann.

Derzeit werden in Prag gleich an mehreren Ecken und Enden neue Einkaufstempel hochgezogen. Shoppen gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen der Tschechen. Und so dürften auch viele Prager mit Wohlwollen dieser Tage gelesen haben, dass eine der beliebtesten Einkaufsstätten an der Metrostation im Stadtteil Chodov zum größten "Kaufparadies" Tschechiens ausgebaut werden soll.

In zwei Jahren, wenn alles fertig sein soll, warten dann unter einem Dach sage und schreibe 300 Läden auf ihre Kunden. Es wird zudem eine spezielle "Fressmeile" dort geben, mit unglaublichen 43 neuen Restaurants und Cafés. Mir kam diese Zahl so gewaltig vor, dass ich sicherheitshalber nachfragte, ob sie tatsächlich stimmt. Und weil es der Angebote offenbar nicht genug geben kann, will man auf dem Areal auch noch ein Multiplex-Kino mit 18 Kinosälen errichten. Wer braucht das, fragt man sich da verzweifelt.

Altbauviertel als Oase

In meinem Wohnviertel an der Grenze der Stadtteile Michle und Nusle kann man derlei glücklicherweise nicht hinklotzen. Hier dominieren Altbauten aus der Jugendstilzeit, die im Parterre eine bunte Palette kleiner Läden beherbergen: Fleischer, Bäcker, Schuhmacher, den Schlüsseldienst, Haushaltswaren, Tierhandlungen, Blumenläden, Fahrradzubehör, Cafés und Kneipen. Deren Besitzer haben noch relativ gute Chancen, sich gegen die Super- und Hyper-Konkurrenz in anderen Stadtteilen zu behaupten. Schwer genug wird das trotzdem werden. Ohne sie wäre mein Prag außerhalb der Touristenzonen aber sehr viel ärmer.
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