Rausechende Feste, reich bestickte Kleider
Die 1920er: Glamour und Provokation

Asymmetrische Formen wie in den 1920ern zeigen sich heute gerne bei Röcken und Kleidern. Bild: Patrizia Pepe
 
Das Charlestonkleid mit den Fransen ist das Symbol der 1920er Jahre schlechthin. Bild: Comma

Rauschende Feste, reich bestickte, mit Pailletten besetzte Kleider, rauchende Frauen. Das waren die 1920er Jahre. Bis heute strahlt das Jahrzehnt aus. Und so gibt es in der heutigen Mode viele Parallelen zu den Goldenen Zwanzigern.

Stuttgart. Es war die Zeit des Aufbruchs, der Provokation, der Kritik: Die 1920er Jahre haben in der Gesellschaft ihre Spuren hinterlassen, ob in der Kunst, in der Musik - und natürlich in der Mode. "Der Glamour strahlt nach wie vor aus", sagt Robert Herzog von der Staatlichen Modeschule Stuttgart. Dabei steht vor allem die Emanzipation der Frau im Vordergrund - die durch Kleidung, Make-up und Frisur auch ganz offensichtlich nach außen getragen wurde.

Der Erste Weltkrieg begünstigte diese Bewegung, erklärt Imageberaterin Stephanie Zarnic. Die Frau fing an zu arbeiten - auch aufgrund des Männermangels. "Im Prinzip hat man gemerkt, dass die Korsetts und die Mode der vergangenen Jahrzehnte einengt." Das Korsett wurde also abgelegt, die Frau befreite sich modisch. "Man hat angefangen, Hosen zu tragen", gibt Zarnic ein Beispiel.

Chanel und die Dietrich


Einige Mode-Ikonen lieferten hier wichtige Beiträge: Coco Chanel etwa hatte einen großen Anteil daran, die Frauen aus dem Korsett zu holen, sagt Zarnic. Und auch Marlene Dietrich war ein Vorbild in dieser Zeit - und ist das noch heute: Nicht umsonst wird die Hose im Marlene-Schnitt von den Experten der Branche schon seit Monaten als Trend angepriesen. Diese praktische Seite lieferte einen großen Hype der Zeit: "Die Vermännlichung der weiblichen Kleidung", bezeichnet Herzog die Entwicklung. Die Frau im Herrenanzug - dieses Bild verdeutlicht, was in der Mode zum Teil angestrebt wurde: Androgynität nämlich, sagt Zarnic. Neben der Hose wurden die Kleider ganz gerade im Schnitt, "die Taille hat keine Rolle mehr gespielt". Und die Haare kamen ab. Der Pagenschnitt hielt auf den Frauenköpfen Einzug.

Genau diese androgyne Thematik ist auch heute wieder hochaktuell. "In der Mode passiert es immer wieder, von der Vergangenheit zu zitieren", sagt Gerd Müller-Thomkins vom Deutschen Mode-Institut (DMI) in Köln. Und Herzog fügt hinzu: "Dieser androgyne Touch in der Mode ist gerade extrem da." So sind etwa derzeit weite Bundfaltenhosen auch bei den Frauen angesagt. Und sie tragen hoch geschlossene Hemdblusen.

Nicht nur hier sieht Müller-Thomkins Parallelen zwischen der heutigen Modewelt und den 1920er Jahren: Auch beim Thema Asymmetrie findet sich ein Zitat aus früheren Zeiten. "Asymmetrie war ein Element der 20er Jahre." Heute spiegelt sich das in Rockformen und Mänteln wider. Durch die Asymmetrie - etwa bei Röcken - kommt mehr Bein zum Vorschein. Solche Schnitte - auch die in den 20er Jahren insgesamt kürzer werdenden Röcke - waren gemacht, um zu provozieren, erzählt Zarnic. Die Frauen wollten auch zeigen: Wir tanzen, wir trinken, wir rauchen, wir flirten, "wir sind Vamps statt Ehefrau". Dieser Wunsch fand vor allem in der Ausgeh-Mode Ausdruck: Das knielange Shiftkleid kam in Mode - ohne Taille mit dem Gürtel auf der Hüfte. Die Kleider waren recht durchsichtig - auch diese Transparenz ist heute wieder in den aktuellen Kollektionen zu sehen. Der klaren Linie wurde dann eine extreme Stofflichkeit entgegengesetzt: reich geschmückte Materialien, mit Pailletten und Federn. "Der Lebenshunger war enorm, die Lust aufs Experiment", erklärt Herzog, wie es zu dem Wunsch nach Feiern, Ausgelassenheit und neuen Kleidungsformen kam.

Und auch Teile dieser Abendmode sind heute wieder gefragt. "Pailletten waren ein sehr starkes Thema bei den Schauen", gibt Müller-Thomkins ein Beispiel. Auch die anderen dekorative Elemente wie Stickereien sind heute nicht aus der Modewelt wegzudenken. Die 1920er waren in vielerlei Hinsicht ein Durchbruch für die Frauenmode. "Die 20er sind total zeitlos, das ist die Faszination", sagt Zarnic.

Nadelstreifen und Hut


Und die Männermode aus dieser Zeit? "Die Männer haben den Fokus gelegt auf elegante Kleidung", sagt Zarnic. Das heißt Anzüge mit Nadelstreifen, an den Füßen Budapester Schuhe, gegelte Haare und - ganz wichtig - der Hut. Dieser klassische Herrenhut ist heute auch wieder zu sehen. Vor allem in den jüngeren Generationen entdecken die Männer das Alte wieder, neben dem Hut etwa auch die Krawatte und die Fliege, sagt Müller-Thomkins. Übrigens: Die Budapester Schuhe entdeckt heute auch die Frauenmode für sich, gibt Zarnic ein weiteres Beispiel, wo sich Elemente der 1920er finden lassen.

Müller-Thomkins sieht eine weitere Parallele bei den Herren im Tailoring. In den 1920ern steckte man im Übergang der Maßschneiderei zur Maßkonfektion zur industriellen Fertigung von Bekleidung. Heute gibt es auch wieder Maßkonfektion. In der schnelllebigen Gesellschaft entdeckt ein Teil das Handwerkliche wieder, schätzt die Wertigkeit von Kleidung.

Nicht alles war glorios


Neben diesen Einzelteilen und einzelnen Strömungen, die aktuell an das vorherige Jahrhundert erinnern, gibt es tatsächlich auch einige Anlässe, zu denen die goldenen 1920er komplett wieder auferstehen: offizielle Partys, die das Lebensgefühl samt äußerem Erscheinungsbild aufgreifen. Das Phänomen beschränkt sich allerdings auf einige Großstädte - aber auch das passt wieder zu damals, war das Experimentieren, das Provokative doch auch in den 1920ern eher auf die Städte begrenzt - auf dem Land zumindest waren weniger Vamps im Shiftkleid unterwegs.

Auf diesen Partys zelebriert man das Gute, an das man bei den 1920ern denkt. Denn Herzog stellt klar: Längst nicht alles war damals so glorios, wie es manchen scheinen mag. So hängt den Festen wohl auch etwas Verklärendes an.
Die 20er sind total zeitlos, das ist die Faszination.Stephanie Zarnic, Imageberaterin
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