Robuster Arbeitsmarkt
Brexit-Virus wirkungslos?

Symbolbild: dpa
 

Ob Autos, Maschinen, Elektroartikel oder Medikamente: Großbritannien ist für deutsche Unternehmen ein wichtiger Exportmarkt. Da liegt die Befürchtung nah, dass das britische Brexit-Votum auch Jobs kosten könnte. Arbeitsmarkt-Experten mahnen dagegen zur Gelassenheit.

Nürnberg. Als das Ergebnis des Brexit-Votums bekannt wurde, schockte das zwar die Finanzmärkte, nicht aber Enzo Weber. Der Prognoseexperte beim Nürnberger Institut für Arbeitsmarktforschung (IAB) sieht keinen Grund, in Alarmstimmung zu verfallen. Denn er und andere Arbeitsmarktexperten halten die Auswirkungen eines britischen EU-Austritts für Konjunktur und Arbeitsmarkt in Deutschland für begrenzt - vorausgesetzt, Großbritannien wird als Handelspartner nicht schlechter gestellt als etwa die USA. Auch sollten die EU und ihre Institutionen wegen der Brexit-Krise nicht in eine Vertrauenskrise geraten.

Natürlich, so räumt auch Weber ein, sei die knappe Mehrheit der Briten für ein Ausscheiden aus der EU "keine triviale Angelegenheit". Schließlich sei Großbritannien mit einem jährlichen Außenhandelsumsatz von 127,6 Milliarden Euro Deutschlands fünftgrößter Handelspartner. Vor allem für die deutschen Auto- und Maschinenbauer ist Großbritannien ein wichtiger Absatzmarkt. So gingen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im vergangenen Jahr Autos und Autoteile im Wert von 29,1 Milliarden Euro sowie Maschinen für 8,8 Milliarden Euro nach Großbritannien.

Mit gravierenden Auswirkungen für den deutschen Arbeitsmarkt rechnet der Forscher dennoch nicht. Dabei macht er folgende Rechnung auf: "Die deutschen Exporte nach Großbritannien machen etwa sieben Prozent aus. Selbst wenn von diesen sieben Prozent wiederum zehn Prozent wegen des Brexits wegfallen, ist das eine Größenordnung, die die Gesamtwirtschaft verkraften kann", ist er überzeugt. Einzelne Betriebe und ihre Beschäftigten werden den Brexit wohl spüren, gibt Weber zu bedenken. "Einzelne kann das schon hart treffen." Den Arbeitsmarkt in Gänze hält er aber für ausreichend robust.

Neue Märkte erschließen


Größere Auswirkungen für den deutschen Arbeitsmarkt sieht kurz- und mittelfristig auch der Arbeitsmarktforscher Professor Stefan Sell von der Hochschule Koblenz nicht. "Wenn Investitionsentscheidungen wegen des unsicheren Umfelds aufgeschoben werden, dann trifft das wohl eher den britischen Arbeitsmarkt", glaubt Sell. Auch glaubt er nicht, dass etwa Absatzprobleme der deutschen Autobauer in England deutsche Jobs überflüssig machen. "Das wirkt sich in der Regel nicht 1:1 auf dem deutschen Arbeitsmarkt aus", sagte Sell. Bisher sei es der deutschen Industrie in solchen Fällen bisher fast immer gelungen, sich neue Märkte - etwa in Asien oder Amerika - zu erschließen.

Tatsächlich scheint es in vielen Branchen trotz außenwirtschaftlicher Unsicherheit ausgesprochen rund zu laufen. Die Maschinenbauer konnten zuletzt im April große Aufträge an Land ziehen, die Elektroindustrie verbuchte in dem Monat mehr Aufträge als vor einem Jahr. Und auch die Stimmung im deutschen Mittelstand war laut KfW-Mittelstandsbarometer im Mai ausgesprochen gut. Auch die Bundesbank sieht die deutsche Wirtschaft trotz leicht gesunkener Wirtschaftserwartung in diesem Jahr vor einem stabilen Aufschwung.

Binnennachfrage stark


Kein Wunder, dass den meisten Arbeitsmarktexperten auch in der zweiten Jahreshälfte nicht bange um den deutschen Arbeitsmarkt ist. Eine Rolle spielt dabei wohl auch, dass inzwischen vor allem die Binnennachfrage - die Ausgaben des deutschen Staats und ihrer Bürger - und weniger der Export wesentliche Treiber für die Konjunktur ist. Das IAB geht daher davon aus, dass "sich der positive Beschäftigungstrend" in der zweiten Jahreshälfte fortsetzt. "Einen saisonbereinigten Anstieg der Arbeitslosigkeit zu vermeiden, wird aber schwieriger werden", schätzt Weber. Denn in der zweiten Jahreshälfte dürften sich verstärkt Flüchtlinge bei den Jobcentern melden.

Oberpfalz Spitzenreiter der bayerischen BezirkeDie Arbeitslosenquoten sind im Juni in allen bayerischen Regierungsbezirken zurückgegangen oder auf dem Niveau des Vormonats geblieben. Im Vergleich zum Juni 2015 sind die absoluten Zahlen in Niederbayern und in Unterfranken allerdings gestiegen. Hier seien - etwa wegen der Flüchtlingsmigration - besonders viele Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft ohne Job, sagte am Donnerstag ein Sprecher der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit. Bayernweit war die Arbeitslosenquote im Juni so tief wie nie und lag bei 3,2 Prozent. Die beste Quote mit 2,9 Prozent hatte im Juni erneut die Oberpfalz. (Die Quoten beziehen sich auf alle zivilen Erwerbspersonen)

Oberbayern: 78.948, 3,1 Prozent (Juni 2015: 3,3 Prozent)

Niederbayern: 20.908, 3,0 Prozent (Juni 2015: 3,0 Prozent)

Oberpfalz: 17.869, 2,9 Prozent (Juni 2015: 3,0 Prozent)

Oberfranken: 21.165, 3,6 Prozent (Juni 2015: 3,7 Prozent)

Mittelfranken: 39.922, 4,1 Prozent (Juni 2015: 4,3 Prozent)

Unterfranken: 23.551, 3,2 Prozent (Juni 2015: 3,1 Prozent)

Schwaben: 31.555, 3,0 Prozent (Juni 2015: 3,1 Prozent)

Bayern gesamt: 233.918, 3,2 Prozent (Juni 2015: 3,4 Prozent)
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