Schäubles Freud´, des Sparers Leid
Rendite zehnjähriger Bundesanleihen erstmals negativ

Die "Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH" verwaltet die Staatsschulden. Archivbild: dpa

Jetzt ist auch noch die Rendite der wichtigsten Bundesanleihe ins Minus gerutscht. Was Finanzminister Schäuble freuen dürfte, ist eine weitere schlechte Nachricht für Sparer. Die Ursache liegt in Großbritannien.

Frankfurt. Wachsende Angst vor einem Austritt Großbritanniens aus der EU führt in Deutschland zu einer historisch einmaligen Situation: Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ist am Dienstag die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen in den negativen Bereich gerutscht. Bis auf minus 0,03 Prozent ging es bergab. Fragen und Antworten zum Thema:

Was bedeutet es, wenn die Rendite auf Staatspapiere negativ ist?

Wenn der deutsche Staat Schulden macht, nimmt er - anders als Privatpersonen - in aller Regel keine Bankkredite auf. Stattdessen verkauft er an seine Gläubiger sogenannte Staatsanleihen. Deren Rendite ist vereinfacht gesagt das, was bei einem Kredit der Zins ist. Eine Rendite unter Null bedeutet also, dass sich der Staat Geld leihen kann und dafür von den Gläubigern noch eine Art Gebühr erhält.

Warum ist gerade die zehnjährige Rendite so wichtig?

Schon seit Anfang des Monats sind die Renditen von Bundesanleihen mit bis zu neunjähriger Laufzeit negativ. Dass nun aber auch künftige Verkäufe zehnjähriger Papiere dem Staat Geld einbringen könnten, ist ein Meilenstein. Denn in dieser Laufzeit hat der Staat mit weitem Abstand den größten Anteil am gesamten Schuldenberg aufgenommen - mit 44 Prozent fast die Hälfte. Auf Platz zwei folgen die fünfjährigen Papiere mit einem Anteil von rund 20 Prozent. Für den Staat ist es wichtig, langfristig planen zu können. Auch an den Finanzmärkten sieht man eine psychologisch wichtige Schwelle überschritten.

Warum fällt die Rendite gerade jetzt unter null?

Das liegt vor allem an der Angst vor einem Brexit. Der Termin des Referendums am 23. Juni rückt immer näher. "Zur jetzigen Bewegung massiv beigetragen haben die sich verstärkten Unsicherheiten um einen möglichen Brexit, die die Investoren in den sicheren Hafen der Bundesanleihen treibt", sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. Die Anleger flüchten also wegen der momentan großen Unsicherheit in sichere Papiere und nehmen dafür niedrigere Zinsen in Kauf. Als sichere Häfen gelten an den Finanzmärkten vor allem stabile Staaten. Deutschland steht dabei auf der Liste der Favoritenliste oben.

Warum steigt zurzeit die Angst vor einem Brexit?

Jüngste Umfragen sehen die Brexit-Befürworter immer weiter vorne. Besonders stark beachtet wird die Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Am Montag veröffentlichten Ergebnissen zufolge sind derzeit nur noch 39 Prozent der Befragten und damit eine deutliche Minderheit für einen Verbleib des Landes in der EU. Und jetzt hat sich auch noch das britische Boulevardblatt "The Sun" in die Debatte eingeschaltet und rät seinen Lesern, für einen EU-Austritt zu stimmen.

Was drückt neben der Brexit-Angst noch auf die Renditen?

Die Furcht vor einem Brexit bringt das Fass zum Überlaufen. Allgemein stehen die Renditen der Staatspapiere aber auch schon seit Monaten stark unter Druck. Das liegt unter anderem an der extrem lockeren Geldpolitik führender Notenbanken.

Wer profitiert von negativen Renditen, und wem schaden sie?

Für Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sind negative Renditen eine gute Nachricht, denn mit neu aufgenommenen Schulden verdient der Fiskus Geld. "Aus Sicht des Steuerzahlers sind die niedrigen Renditen sicher erfreulich, da sie die Zinsausgaben im Bundeshaushalt reduzieren", heißt es von der Deutschen Finanzagentur, die die Staatsschulden verwaltet. Schlecht sind die Negativrenditen für die Sparer. Zinsen bekommen sie auf ihr Erspartes ohnehin schon lange kaum noch. Jetzt könnte auch noch der Druck auf Banken steigen, Negativzinsen an ihre Kunden weiterzugeben.

Wirkt die Brexit-Angst nur auf deutsche Staatsanleihen?

Nein. Rund um den Globus flüchten die Anleger vor dem Brexit-Szenario. Auch in Japan und der Schweiz sind die Renditen zehnjähriger Papiere bereits negativ. Weitere sichere Häfen wie Gold sind im Aufwind.
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