Schlichten statt um Nachlass streiten

Wenn es um Geld geht, entsteht unter Erben schnell Streit. Schlichter können hier helfen. Bild: hfz

Erben endet oft in Zank. Da kämpfen Schwester gegen Bruder, Vater gegen Kinder und am Ende des Konflikts ist jeder unzufrieden. Doch es geht auch anders: Mit Hilfe der Mediation kann der Zwist friedlich beigelegt werden. Das spart Zeit und Geld.

In Kindertagen schnappte der Bruder seiner kleinen Schwester immer die Bonbons weg. Das nagt noch Jahre später am schwesterlichen Selbstbewusstsein. Nach dem Tod der Eltern ist die Zeit der Rache gekommen: Die "Kleine" will das gemeinsam geerbte Haus unbedingt verkaufen, Bruderherz hätte kein Dach mehr über dem Kopf.

Ein typischer Fall für den Mediator Stephan Konrad. "Oft sind Verletztheiten aus der Kindheit der Grund dafür, dass jemand auf bestimmten Dingen beharrt", sagt der Bielefelder. Als neutraler Dritter sucht er zusammen mit den Streitenden eine Lösung im Zoff ums Erbe. Die Voraussetzung für eine solche freiwillige Schlichtung: "Die Menschen müssen einigermaßen kommunikationsbereit sein", sagt Konrad. Die meisten wenden sich aus eigener Initiative an den Mediator, kurz bevor das Tischtuch endgültig zerschnitten ist.

Psychologische Kniffe

In Konrads Büro kommt auf den Tisch, was den Einzelnen oft seit Jahrzehnten bewegt hat. Der Schlichter moderiert das Gespräch, um den Interessenkern der Beteiligten herauszuschälen. Jeder kann Probleme, Wünsche und Ideen aufschreiben. Manchmal liegen die Vorstellungen nah beieinander: "Beide wollen die Apfelsine. Der eine will den Saft, der andere die Schale". Manchmal greift der Mediator zu psychologischen Kniffen. "Ich frage erst mal, was man tun muss, um den Karren vor die Wand zu fahren. Da sind die Leute kreativ", beschreibt Konrad sein Vorgehen. Der Trick dabei: Er kehrt die Ideen hinterher ins Positive und bringt die Konfliktparteien auf diese Weise einem Lösungsweg näher. Die Auseinandersetzung um diverse Kunstgegenstände endete zum Beispiel damit, dass jeder reihum einen Gegenstand aussuchen durfte - der Älteste zuerst, der Jüngste zuletzt.

Die Mediationsrunden sind streng vertraulich. Die Beteiligten sollen frei reden können. Nur die Regeln der Höflichkeit sind einzuhalten. Nichts vom Gesagten darf vor Gericht verwendet werden; der unabhängige Mediator würde in einem Prozess nicht als Zeuge auftreten. In der Regel gibt er auch keine rechtlichen Ratschläge. Stattdessen sollten sich die zerstrittenen Erben vorab über die juristische Lage informieren, empfiehlt der im Netzwerk deutscher Erbrechtsjuristen organisierte Konrad.

Wer will, kann einen Rechtsbeistand zur Schlichtung mitbringen. "Er begleitet das Verfahren, er hält sich aber zurück", erläutert Holger Siebert, Erbrechtsanwalt im hessischen Alsfeld und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Erbrechtskunde (DGE) mit Sitz in Freiburg. Siebert rät zur Meditation, wenn juristisch-rationale Argumente nicht greifen, weil "der Mandant psychologisch woanders kämpft".

Besser als Gerichtsurteil

Häufig sei Überzeugungsarbeit erforderlich: Das Verfahren wühlt auf, das "Waschen von schmutziger Wäsche" kann verletzend sein. Trotzdem ist der Anwalt überzeugt: "Das gemeinsam zustande gebrachte Konzept befriedigt mehr als ein Gerichtsurteil". Das hinterlasse einen schalen Beigeschmack, weil in der Regel eine Partei den Saal als Verlierer verlasse.

Sieberts Erfahrung nach gelingt die Schlichtung in den meisten Fällen. Die üblicherweise in zwei bis drei Sitzungen erarbeitete Lösung wird in einem Vertrag festgehalten. Er bindet alle Beteiligten und wird notariell beglaubigt, sobald es um Immobilien geht. Die Kosten der Mediation tragen die Konfliktparteien, das Wie ist Bestandteil der gefundenen Lösung. In der Regel berechnen Erb-Mediatoren einen Stundensatz von 250 bis 300 Euro. Hinzu kommen mögliche Ausgaben für Anwälte. Sie scheuen nach den Beobachtungen von Holger Siebert in Erbstreitigkeiten die Mediation, die sonst - etwa in Familiensachen - zum Alltag anwaltlicher Praxis gehört.

Güteverfahren

Seit einiger Zeit ermöglicht Justizia Güteverfahren in Erbstreitigkeiten. Die Verfahren greifen, wenn die Parteien bereits vor Gericht gezogen sind. In der Regel geht der Vorschlag zur sogenannten Gütegerichtsverhandlung von den Richtern aus, selten von den Parteien. "Die meisten wissen gar nicht, dass es diese Möglichkeit gibt", stellt Miriam Gruß, Güterichterin am Oberlandesgericht Frankfurt am Main fest.

Am ovalen Tisch, ohne Robe und mit Getränken sorgen Gruß und ihre vier Güte-Kolleginnen für ein angenehmes Gesprächsklima. Neben Anwälten dürfen Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte mitgebracht werden, sofern es der Sache dient. Die Vorteile des Güteverfahrens liegen für die Richterin auf der Hand: Im Erfolgsfall schaffen sie Familienfrieden ohne Urteil. Gibt es keine Einigung, steht der "streitige Weg weiterhin offen". Den Erben sparen die gesetzlich verankerten Verfahren Zeit, weil sie schneller enden als ein Prozess und sie grundsätzlich von den Gerichtsgebühren befreit sind. Güteverfahren werden in der Regel an allen Gerichten angeboten.
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