"Social Trading"
Wieder lockt das schnelle Geld

Rauf und runter: Besucher der Stuttgarter Anleger-Messe Invest stehen vor Monitoren mit Kursverläufen. Ein Schwerpunkt der Messe waren Social Trading-Finanzplattformen, die Börsenentscheidungen von Amateurbrokern an Kunden vermitteln. Bild: dpa

Wer ein Händchen hat für Börsengeschäfte, der kann bei "Social Trading"-Finanzdiensten auch ohne BWL-Studium oder Bank-Lehre absahnen. Betonung auf: kann. Oder er verzockt sich.

Stuttgart. Im Internet bieten "Social Trading"-Plattformen Anlagemöglichkeiten an, bei denen Profis ersetzt werden durch Amateure - Hobby-Broker geben den Takt an. Die Kosten sind niedriger, weil die Stelle des Beratungsprofis in dem neuen Geschäftsmodell überflüssig ist. Wikifolio, eToro, Zulutrade oder Ayondo heißen die Firmen, die seit einigen Jahren am Markt sind und nach eigenem Bekunden großen Erfolg haben.

Das Geschäftsmodell ist simpel: Die Anbieter vermitteln Ideen von Hobby-Brokern und kassieren dafür Gebühren. Jeder Mensch, der sich zum Anlageexperten berufen sieht, kann sich beim "Social Trading" (wörtlich: sozialer Handel) als Händler registrieren lassen. Diese Händler legen sodann ihre Anlageentscheidungen offen und begründen sie. Läuft die Anlage gut, legen andere Nutzer - auch Follower genannt - ihr Geld genauso an. Dafür zahlen sie Gebühren.

"Völlige Transparenz"


Wikifolio-Chef Andreas Kern schwärmt von einer "Vielzahl an Anlagestrategien, die völlig transparent sind - man sieht jeden Kauf oder Verkauf, man sieht Kommentare, man kann das mit anderen Anlagemöglichkeiten vergleichen". Sein Wiener Unternehmen mit 35 Mitarbeitern ist erst seit 2012 richtig am Start, mehr als 60 000 Nutzer haben sich inzwischen registriert. Da man aber auch ohne Konto auf die Wikifolio-Infos zurückgreifen kann, schätzt der 42-jährige Österreicher die Zahl der Nutzer auf mehr als eine Million.

"Beratung fehlt"


Auf der Stuttgarter Finanzmesse Invest trafen sich die Vertreter der "Social Trading"-Plattformen kürzlich, die Messe hatte den Fintechs - also generell neuen Finanzdiensten im Internet - einen Schwerpunkt gewidmet. Auf Podiumsdiskussionen traten viele Fintech-Vertreter und Aktienhändler auf und warben mit der Verlockung des schnellen Geldes. Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sieht das Geschäftsmodell skeptisch. "Die höchsten Renditen sind nur mit wilder Zockerei erzielbar - das ist keine seriöse Anlagestrategie", meint Nauhauser. Da Beratung fehle, könnte die Werbung zudem unrealistische Erwartungen wecken. Auch der Stuttgarter Wirtschaftsprofessor Henry Schäfer sieht die neuen Finanzdienste kritisch. Ohne Berater sei der Anleger vollkommen auf sich gestellt. Schäfer bezweifelt, dass mehr Transparenz unbedingt zu besseren Anlagen führe. "Mehr Infos, zufriedenere Kunden - so einfach ist die Welt nicht." Ähnlich sieht das Verbraucherschützer Nauhauser. Nur weil Handelsentscheidungen einsehbar seien, "heißt das nicht, dass Zockerei ausgeschlossen ist".

Vor allem sogenannte CFDs - "Contracts for Difference" - sind Nauhauser ein Dorn im Auge. Bei den Finanzinstrumenten setzt man auf den Verlauf von Kursen. Geht die Wette auf, gibt es Gewinne. Geht sie daneben, Verluste. Über Hebel kann man Risiko und Chancen vervielfältigen. Nach Ansicht der deutschen Bankenaufsicht Bafin sind CFDs "krass spekulative Finanzinstrumente". Einer Studie der französischen Finanzmarktaufsicht AMF zufolge sind zwischen 75 und 89 Prozent der CFD-Investoren auf der Verliererstraße, die Gewinne verteilten sich also "sehr ungünstig für Kunden". Warum der Laden dennoch brummt? Verbraucherschützer Nauhauser hat eine einfache Erklärung parat: "Glücksspiel zieht Menschen nun mal an." Seine Empfehlung: "Wer Geld übrig hat zum Spielen, kann auf CFDs setzen oder ins Casino gehen - im Casino sind die Gewinnchancen allerdings fairer verteilt."

"Durchdachte Verträge"


Zockerei? Ayondo-Gründer Thomas Winkler schüttelt den Kopf. "Das ist eine ganz falsche Aussage." CFD seien durchdachte Verträge, deren Kosten sehr niedrig seien. Allerdings räumt er ein: "CFDs können missbraucht werden zur Zockerei." Zu Gast bei der Invest war auch der frühere Wirtschaftsweise Bert Rürup. Angesprochen auf "Social Trading" sagte er, mündige Anleger seien doch frei, um selbst zu entscheiden. "Jeder kann sein Geld vermehren oder verbrennen, wie er will."
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