Sparkassen unter Rendite-Zwang

"Die persönliche Nähe wird nicht mehr nur in Metern bis zur nächsten Sparkassen-Filiale gemessen; es geht vielmehr um emotionale Nähe." Präsident Dr. Ulrich Netzer stimmte beim Sparkassentag in Hof auf den Wandel ein. Noch sind die Zahlen glänzend, die Geldinstitute stehen jedoch unter Rendite-Zwängen.

Hof. (cf) 75 Prozent der Betriebsergebnisse sind vom Zinsüberschuss abhängig. "Aber die Zinsen sind auf Nulldiät gesetzt", sagte der Sparkassen-Präsident. Die Sparkassen im Freistaat mit ihren acht Millionen Kunden und dem dichten Filialnetz wollen sich mit "zeitgemäßen Strukturen effizient für die Zukunft aufstellen": "Was die Geschäftsstellen und was die Anzahl der Sparkassen selbst angeht." Diese Aussagen lassen den Schluss zu, dass die Sparkassen in den nächsten Jahren viele Filialen zur Disposition stellen und es zu Fusionen kommt. Intern wird von 60 bis 65 verbleibenden selbstständigen Sparkassen in Bayern gesprochen (von derzeit 71).

"Eine spürbare, direkte Nähe stellt auch das Handy her", zeigte der Obmann der Bayerischen Sparkassen, Walter Strohmaier, die Alternative zur herkömmlichen Filiale auf: Nämlich das Online- und Mobile-Banking, das immer mehr (jüngere) Kunden nutzen. "Angesichts des Online-Bankings ist es egal, wo man wohnt."

"Kollateralschäden"

Dabei lief es für die bayerischen Sparkassen in den ersten fünf Monaten 2015 bombig: So stieg das Kreditneugeschäft gegenüber dem Vorjahr um 18,5 Prozent. Weil der Zinsüberschuss sinkt und der Verwaltungsaufwand steigt, rechnet Vizepräsident Roland Schmautz mit einem "deutlich niedrigeren" Betriebsergebnis um minus 9 Prozent. Die Regulierungs-Auflagen machen inzwischen "gute 10 Prozent des Verwaltungsaufwands einer mittelgroßen Sparkasse" aus. Schmautz sieht "Kollateralschäden" aus der Niedrigzinsphase und prognostiziert, "dass sich die Zukunft im Wettbewerb entscheidet".

Der Sparkassentag in der Freiheitshalle stand unter dem Motto "Menschen verstehen, Zukunft denken, Sicherheit geben". Präsident Netzer rechnete mit dem "Nullzins" ab, der sich "letztlich deutlich negativ auf das Geschäftsmodell der Regionalbanken auswirken wird". Für einen Ausstieg aus der "ultralockeren Geldpolitik" der EZB gebe es keine Anzeichen. "Niedrigzinsen dürfen kein Dauerzustand werden", warnte er.

"Zornig" machen den Präsidenten die Pläne für eine "Vergemeinschaftung" der Einlagensicherung, wenn der nationale Schutz der Sparer durch ein europäisches Einlagensicherungssystem abgelöst wird. "Die Gelder, die wir für die Sicherheit unserer Sparer zurücklegen, würden dann für Krisenbanken in anderen Ländern, zum Beispiel in Zypern oder Griechenland, eingesetzt." Nach dem Lob für die Sparkassen ("ein grundsolider Partner") rechtfertigte der mit Beifall empfangene Ministerpräsident Horst Seehofer den Vergleich mit Österreich: Recht haben und Recht bekommen, seien oft Lichtjahre auseinander. "Man muss der Realität ins Auge sehen." Auch trat Seehofer dem Eindruck entgegen, er mache Politik nach Stimmungslage. "Erst zuhören und nachdenken, dann entscheiden." Seehofer kritisierte die "Sorglosigkeit im Umgang mit Wohlstand und sozialer Sicherheit". Der Erfolg sei das größte Hindernis für die Zukunftsfähigkeit.

Örtlich verankert

Bei seinen philosophischen Betrachtungen über "Ethik und Finanzwirtschaft" nannte der ehemalige Staatsminister Professor Julian Nida-Rümelin vier Wesenselemente: Urteilskraft ("wir sind keine Wissens-, sondern eine Datengesellschaft"); Entscheidungsstärke (Zivilcourage); Besonnenheit (kein aufgeblähtes Ego) und Integrität ("sich selber treu bleiben"). Nida-Rümelin erhielt kräftigen Beifall, als er die Sparkassen als absolut wichtig für die Vertrauensbildung in Deutschland bezeichnete. Die öffentlich-rechtlichen Geldinstitute seien örtlich verankert und mit der Gesellschaft verflochten.
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