Über Briefmarken längst hinaus

Wie ein Hochsicherheitstrakt ist die Philatelie abgeriegelt. Die frühere Postwertzeichen-Versandstelle bedient nicht nur Briefmarkenfreunde in aller Welt, sondern auch die Sammler sündteurer Münzen. Gleich drei Sicherheitskreise schirmen den Betrieb gegen Eindringlinge ab. Unsere Zeitung schaute auf das spannende Innenleben.

Weiden. "Ich zeig dir meine Briefmarkensammlung ..." Diese romantischen Zeiten sind längst Vergangenheit und muten anachronistisch an. Weil seit der Gründung der Philatelie im Jahre 2002 im Gewerbegebiet Weiden-West der Kreis der Briefmarkenfreunde um nahezu die Hälfte von 700 000 auf 380 000 schrumpfte, wuchs im Gegenzug das Sortiment.

Als "Tochter" der Deutschen Post AG versteht sich die Philatelie heute als moderner Dienstleister zuvorderst für die "Mutter", aber auch für zahlreiche andere Unternehmen. Die Palette der Produkte reicht - natürlich neben Briefmarken in allen Variationen - vom Bürobedarf (einschließlich PC) über Verpackungsmaterial bis zum Klopapier. Zum inzwischen festen Kunden-Klientel zählen die Numismatiker. Das reiche Angebot beinhaltet Goldmünzen bis zu einem Stückpreis von 80 000 Euro. Vor diesem Hintergrund erklären sich die verschwiegenen Sicherheitsvorkehrungen und das strenge Fotografierverbot selbstredend.

"Chaotische Lagerhaltung"

Karl Rösch, Abteilungsleiter des Versands, verweist auch auf die sogenannte "chaotische Lagerhaltung": Nur das ausgeklügelte digitale System weiß, wo genau in dem riesigen Logistikzentrum mit seinen 7800 Lagerplätzen die wertvollen Goldmünzen unter den mehr als 16 000 Artikeln gelagert sind. Über 500 Beschäftigte zählt die ehemals auf drei Standorte im Bundesgebiet verteilte Post-Philatelie.

Geringe Fehlerquote

Der SPD-Politiker Ludwig Stiegler hatte vor rund 15 Jahren bei der Konzentration auf den einzigen Standort Weiden - gegen erbitterte Widerstände - erfolgreich Regie geführt und die Strippen gezogen. Bei den Mitarbeitern handelt es sich meist um angelernte Kräfte, die aber in der Regel über eine Berufsausbildung verfügen. Gearbeitet wird in zwei- bis drei Schichten von Montag bis Samstag. Die Fehlerquote liegt nach eigenen Angaben mit 0,02 Prozent nahe am Hundertstel-Bereich. Die Kunden-Zufriedenheit beträgt seit Jahren konstante 96 Prozent. Die Beschäftigten bewältigen in der Spitze bis zu 60 000 Sendungen am Tag, besonders in der Hochsaison vor Weihnachten, Ostern und vor dem Schulbeginn.

Jährlich treten 3,9 Millionen Briefe und 1,8 Millionen Pakete die Reise zu den Kunden in aller Welt an. Österreich, Schweiz und die Niederlande zählen zu den stärksten Auslandsmärkten. Das gewaltige Callcenter mit einigen Hundert Kräften erzielt eine sofortige Annahme-Quote von 80 Prozent der rund eine Million (!) Anrufe im Jahr. Die Philatelie lagerte eine Call-Abteilung nach Amberg aus.

Individuelle Briefmarke

Jede per E-Mail oder Fax eingehende Bestellung wird binnen 24 Stunden erledigt. Mit steigender Tendenz erfolgen die Orders digital, im Vorjahr waren es fast 600 000. 42 Millionen Seiten jährlich umfasst der Druck von Rechnungen, Zahlungsaufforderungen u. a. Die Kuverts dienen gleichzeitig als Etikett. Hochleistungs-Scanner sorgen für ein weitgehend papierloses Büro.

"In unseren Antwortschreiben wählen wie die Sprache, die der Kunde mit uns spricht", sagt Sieglinde Ostermeier, Abteilungsleiterin Kundendienst. Dies kann die sachliche, emotionale oder herzliche Ebene sein. Je nachdem. Zunehmender Beliebtheit erfreuen sich die individuelle Briefmarke und der Sonderstempel für Vereine und Unternehmen, aber auch als persönliches Geschenk zum runden Geburtstag oder Jubiläum.

Die Einzel-Briefmarke mit dem frei wählbaren Motiv gibt es bereits ab 20 Stück zu einem Bogen, Bei einem Nennwert von 63 Cent liegt der Preis bei 1,20 bis 1,30 Euro. "Die Philatelie in Weiden ist weltweit einmalig", betont Karl Rösch. In aller Oberpfälzer Bescheidenheit.
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