Vor zehn Jahren meldete die Werttransportfirma Heros Insolvenz an
„Zu viel Geld im Tresor“

Am 20. Februar 2006 meldete das damals größte deutsche Geldtransportunternehmen Heros aus Hannover (Niedersachsen) Insolvenz an. Gegen vier Beschuldigte wurden Haftbefehle wegen schwerer Untreue und bandenmäßigem Betrug erlassen. Archivbild: dpa

Hannover. Als vor zehn Jahren die damals größte deutsche Geldtransportfirma Heros nach Misswirtschaft und Millionenbetrug zusammenbrach, offenbarte sich ein Skandal ungeahnten Ausmaßes. Über Jahre waren Löcher in der Bilanz über ein Schneeballsystem gestopft worden, während etliche Beschäftigte atemberaubende Summen abzweigten. Der schon Anfang der 1990er Jahre gestartete Riesenschwindel flog erst auf, als mit dem Absprung eines Großkunden die Finanzmisere nicht mehr zu verbergen war. Am 20. Februar 2006 meldete Heros in Hannover Insolvenz an. Betroffen waren europaweit 5000 Arbeitsplätze, der Schaden betrug rund 300 Millionen Euro.

Am 17. Februar 2006 durchsuchen Fahnder 25 Firmen und Wohnungen im nordrhein-westfälischen Viersen, in Hannover und Hamburg sowie in Frechen bei Köln. Tags darauf ergehen Haftbefehle gegen den Heros-Chef der Zentrale in Hannover sowie gegen einen Prokuristen und zwei Niederlassungsleiter wegen des Verdachts der schweren Untreue und des bandenmäßigen Betrugs. Neun Monate später beginnt vor dem Landgericht Hildesheim der Prozess gegen die vier wegen Untreue, Bankrott und Insolvenzverschleppung. Der Firmengründer legt ein Geständnis ab. Er wird zu insgesamt elf Jahren Haft verurteilt, die drei anderen zu sechseinhalb bis acht Jahren Haft.

Geld umgeleitet


Wie funktionierten die Millionenschummeleien? Und weshalb konnte Heros sie so lange vor misstrauischen Kunden und Polizeifahndern verbergen? Statt das von den Transportfahrzeugen bei den Kunden abgeholte Geld auf Treuhandkonten einzuzahlen, lenkte Heros es auf andere Konten, von denen die Geschäftsführer immer wieder Geld für andere Zwecke und zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs abzweigen konnten. So entstand eine wachsende Liquiditätslücke, die irgendwann aufflog. Mit Verzugszinsen hielt Heros die Kunden bei Laune, deren Geld zu spät gutgeschrieben wurde. Mitarbeiter, die den Machenschaften der Chefs auf die Schliche kamen, erpressten Millionen für ihr Schweigen.

Wie ein Schlaraffenland voller überquellender Geldschränke wirkten die chaotischen Zustände, die bei den Prozessen auch gegen weitere Heros-Mitarbeiter später bekannt wurden. Wohnungen auf Sylt, Luxusautos, Schmuck und Uhren leisteten sich die Verurteilten. "Nach der Euro-Umstellung ging es bei uns drunter und drüber", sagte etwa eine Niederlassungsleiterin vor Gericht. "Plötzlich hatten wir zu viel Geld im Tresor, das keinem Kunden zugeordnet werden konnte." Mehr als zwei Millionen Euro in Scheinen schaffte sie mit einer Kollegin aus der Firma und teilte die Beute in einer Garage auf.

Eine Wiederholung ähnlicher Missstände oder der Griff in den Geldschrank seien heute so nicht mehr denkbar, sagt der Geschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste (BDGW), Harald Olschok. Nicht nur seien Sicherheitsvorschriften verschärft worden, auch lasse sich die Spur des eingesammelten Geldes verfolgen, das in sogenannten Safe Packs mit einem Barcode transportiert werde. Die Kontrolle seitens des Handels sei größer geworden.

Handel aufmerksam


"Die Regularien haben sich verändert und es gibt mehr Nachweise und Aufsicht", sagt auch Ulrich Binnebößel, der Zahlungsexperte beim Handelsverband Deutschland (HDE). "Ein Schneeballsystem ist nicht mehr möglich." Der Weg des Geldes zur Bank und etwaige Verzögerungen ließen sich durch die Händler nachverfolgen. "Der Handel ist aufmerksamer geworden", sagt er zu den Lehren aus dem Heros-Skandal. Trotz aller elektronischer Bezahlmöglichkeiten werden weiterhin rund die Hälfte aller Einkäufe in bar beglichen, der Anteil gehe um lediglich etwa 1,5 Prozent pro Jahr zurück, so Binnebößel. Für die Geldtransporteure bedeutet das viel Arbeit. Drei Milliarden Euro schaffen sie täglich von den Kunden zu den Banken und in die rund 60 000 Geldautomaten in Deutschland. 2500 gepanzerte Fahrzeuge sind dafür unterwegs. Mit etwa 11 000 Beschäftigten erwirtschaftete die Branche zuletzt einen Jahresumsatz von 600 Millionen Euro.
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