Wandel in eine "Geisterstadt" stoppen

Leben in der Innenstadt: In Bad Münstereifel eröffnete im vergangenen Jahr mitten in der historischen Altstadt ein City-Outlet-Center. So befindet sich nun im ehemaligen Café von Heino ein Outlet Geschäft. Archivbild: dpa

Jedem zehnten Laden in Deutschland droht in den kommenden fünf Jahren das Aus. Immer mehr Kommunen wollen dem Ladensterben nicht mehr tatenlos zusehen. Es ist ein Kampf David gegen Goliath.

Die Prognosen sind alarmierend: Rund 45 000 Ladengeschäften in Deutschland droht nach Schätzung des Instituts für Handelsforschung (IFH) in Köln bis 2020 das Aus. Mehr als jeder zehnte Laden könnte damit für immer seine Tore schließen. Die Fachzeitschrift "Textilwirtschaft" spricht bereits vom "Horrorszenario Geisterstadt". Besonders bedroht vom Ladensterben sind der Studie zufolge ländliche Regionen, Kleinstädte und Mittelzentren. Ihnen setzt nicht nur der Boom des Online-Handels zu, sondern auch der Bevölkerungsrückgang. Doch immer mehr Kommunen versuchen, sich gegen das allmähliche Sterben ihrer Innenstädte zu wehren.

City-Outlet-Center

Beispiel Rietberg in Nordrhein-Westfalen: Die Stadt mit ihren 28 000 Einwohnern leidet unter einer wachsenden Zahl leerstehender Geschäfte an der Rathausstraße im Stadtzentrum. Deshalb plant der Stadtrat nun einen Befreiungsschlag. Auf einer Sondersitzung im August votierte das Gremium einstimmig dafür, die Gründung eines City-Outlet-Centers in der idyllischen Kleinstadt voranzutreiben. Vorbild ist Bad Münstereifel (19 000 Einwohner). Hier wurde 2014 ein City-Outlet eröffnet. Seitdem haben nach Angaben des Betreibers mehr als eine Million Kauflustige das in den Ort integrierte Outlet besucht. Rund 250 neue Arbeitsplätze seien geschaffen worden, heißt es.

Doch nicht nur in Rietberg, auch in Zwiesel (Niederbayern), im hessischen Usingen und andernorts wird mit dem Gedanken gespielt, dem Beispiel Bad Münstereifel zu folgen. Dabei fragen sich Experten längst, für wie viele derartige Schnäppchen-Paradiese tatsächlich noch Platz ist in Deutschland ist. Andere Städte gehen die Probleme vor der Haustür denn auch auf andere Art an. Wuppertal versucht, den boomenden Online-Handel mit den eigenen Waffen zu schlagen. Das Projekt "onlineCity Wuppertal" bietet den lokalen Händler die Möglichkeit, mit einem gemeinsamen Internetauftritt um Kunden zu werben. Auch hier gibt es bereits Nachahmer. Noch in diesem Jahr sollen drei weitere lokale Internet-Marktplätze ans Netz gehen. Wieder andere Kommunen setzen auf ein verstärktes City-Marketing, das die Verbraucher in die Einkaufsstraßen locken soll.

Handel im Wandel

Ob all diese Maßnahmen im Zeitalter des Internets reichen, um das Leben in den Einkaufsstraßen abseits der Metropolen zu erhalten, wird sich erst zeigen. Handelsexperte Manfred Jahn von der Unternehmensberatung GFK Geomarketing warnt gerade kleinere Kommunen davor, sich allzu einseitig auf den Handel als Lebenselixier der Innenstädte zu verlassen. "Der Einzelhandel soll es richten, aber der ist selber im Strukturwandel", mahnt er. Für ihn stellt sich längst die Frage: "Muss jede Fachwerk-Stadt nur Einzelhandel haben?" Es gebe schließlich auch andere Wege für Leben in den Straßen zu sorgen - von der Gastronomie bis zu Dienstleistungsangeboten. "Schaut man nach Osteuropa, da gibt es in den Altstädten kaum Einzelhandel. Da gibt es überwiegend Gastronomie, Kultur, Museen, und die Straßen sind voller Leben", sagt Jahn.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.