Wenig Verständnis für "Charlie Hebdo" und Pegida

Ein Leser äußert gleichermaßen Kritik an der Pegida-Bewegung und an der Satire-Zeitschrift "Cherlie Hebdo":

Zurecht geht ein großer Aufschrei über den schrecklichen Terroranschlag einer radikal-islamistischen Gruppe in Paris durch die Medien. Auf was für einer Insel der Glückseligen lebten wir, nur unseren Wohlstand vor Augen. Madrid und London waren längst vergessen, die Sauerlandbomber, naja ging ja nochmal gut. Die Anschläge im Irak, Afghanistan, Nigeria, Jemen waren ja soweit weg. Und nun nach diesem Anschlag ist der Aufschrei der Politik mal wieder groß. Schnell ist man wieder bei altbekannten Mustern der Gesetzesverschärfung, Schuldzuweisung an eine Religion usw. zur Hand.

War es aber nicht immer schon so, dass im Namen der Religionen es "Menschen" sind, die die Religion missbraucht haben und auch weiterhin missbrauchen. Wäre es in dieser Zeit nicht auch einmal angebracht, über Länder zu berichten in denen dass Zusammenleben zwischen Moslems und Christen einigermaßen funktioniert?

Ich war das letzte Mal 2011 in Äthiopien unterwegs. Äthiopien ist das älteste christliche Land in dem 35 bis 40 Prozent orthodoxe Christen, 40 bis 45 Prozent Muslime, 10 Prozent Protestanten, 1 Prozent Katholiken und ca. 5 Prozent Naturreligionen einigermaßen friedlich nebeneinander leben. Es stehen oft Moscheen neben Kirchen, der Muezzin ruft um 5 Uhr zum Gebet und der christliche Priester rezitiert von 6 bis 8 Uhr Bibelverse, alles über Lautsprecher, was sogar mir auf die Nerven ging. Fazit: Wenn es keine Scharfmacher, Hassprediger usw. gibt, scheint das Zusammenleben der Religionen zu funktionieren.

Drei Tage vor dem Anschlag in Paris kam ich von einer dreiwöchigen Rundreise Sudan-Äthiopien zurück. Bei der elftägigen Reise durch den Sudan war ich recht unsicher, was mich in diesem Land, dass wahrlich kein demokratischer Staat, dazu streng islamisch ist, erwarten würde. Ich war recht überrascht von der Freundlichkeit der Leute, wir konnten uns frei bewegen, kein Kopftuchzwang (wie im Iran) für die Frauen unserer Gruppe und es gab in Khartoum zwei große christliche Kirchen, bei der ich bei einer Zeuge eines Gottesdienstes mit mehreren hundert Menschen sein durfte.

Ich will dieses Land nicht verherrlichen, aber es zeigt, dass nur Scharfmacher, Hassprediger und dubiose selbsternannte Gotteskrieger es sind, die im Namen dieser Religion sich irgendeine wirre Legitimation für ihren Terror und für ihr brutales Morden zusammenbasteln. Zu "Charlie Hebdo" möchte ich für mich in Anspruch nehmen: Ich bin nicht Charlie. Ich bin gegen Terror und für Respekt gegenüber anderen. Wenn eine Provinzsatire mit 60 000 Stück Auflage nach so einem furchtbaren Anschlag seine Auflage auf fünf Millionen steigert, so habe ich nur Abscheu gegen ein solches Geschäftsmodell, und nichts anderes ist es.

Und solchen diffusen Demonstranten von Pegida würde ich mir wünschen, dass sie vielleicht mal in ein islamisch geprägtes Land reisen und sich selbst ein Bild vom Land und der Gastfreundlichkeit ihrer Menschen zu machen.

Helmut Hermjohannknecht92237 Sulzbach-Rosenberg
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