Wenn das Smartphone zur Geldbörse wird
Die Zukunft lässt noch auf sich warten

Auch vom Kreditkarten-Riesen Mastercard gibt es ein mobiles Bezahlsystem. Bild: Mastercard/Meg Baggott

Es ist schon Internetzugang, Spielkonsole, Kamera und Navigationsgerät in einem. Doch künftig könnte das Smartphone auch noch zur Geldbörse werden. Eventuell profitieren davon aber nicht nur Verbraucher, sondern auch Datensammler.

"Warten Sie, ich hab es passend." "Geben Sie die Geheimzahl bitte nochmal ein." "Haben Sie vielleicht zwei Cent?" Solche nervigen Sätze könnten an der Kasse im Supermarkt künftig der Vergangenheit angehören. Denn mit dem sogenannten Mobile Payment könnten Verbraucher einfach ihr Smartphone benutzen, um große und kleine Beträge zu bezahlen - ganz ohne Bargeld und Geheimzahl.

Bis es soweit ist, müssen die Anbieter aber erst noch einige Hürden aus dem Weg räumen. Die größte davon ist die fehlende Infrastruktur. Denn in den meisten Fällen kommt beim Mobile Payment die Funktechnik NFC (Near Field Communication) zum Einsatz. Damit lassen sich zwar nur relativ kleine Datenmengen über kurze Distanzen von wenigen Zentimetern übertragen. Für das kontaktlose Bezahlen mit dem Smartphone ist dieser scheinbare Nachteil aber ideal, weil er für zusätzliche Sicherheit sorgt.

Neue Kassenterminals

In aktuellen Smartphones gehört NFC heute schon fast zur Standardausstattung. Anders sieht es bei den Kassen aus, die die Technik ebenfalls unterstützen müssen. "Die Marktdurchdringung von Kassenterminals mit Near Field Communication (NFC) liegt zurzeit bei etwa fünf Prozent", sagt Steffen von Blumröder vom IT-Verband Bitkom. "Da die Kassenterminals aber in regelmäßigen Abständen ausgetauscht werden, wird der Anteil in zwei bis drei Jahren deutlich höher sein."

Wo schon eine solche Kasse steht, können Kunden zum Beispiel das System Mpass verwenden. Dabei kommt aber nicht das Smartphone zum Einsatz, sondern ein NFC-Sticker, der ans Mobiltelefon oder einen anderen Gegenstand geklebt wird. Auf dem Sticker sind alle wichtigen Zahlungsdaten gespeichert. Um zu zahlen, muss der Nutzer am Terminal des Händlers vorbeiwischen. Einen zusätzlichen PIN-Code braucht er nur bei Beträgen ab 25 Euro.

Nutzerzahlen noch gering

Ähnlich wie Mpass funktionieren auch andere Systeme von Kreditkartenfirmen wie Visa und Mastercard. Und darauf aufbauend gibt es schließlich noch Dienste von Mobilfunkanbietern. Nutzen kann der Verbraucher alle Systeme aber nicht überall, sondern immer nur bei den Händlern, die mit dem Betreiber zusammenarbeiten. "Relativ etabliert ist das Mobile Payment hierzulande nur in Tankstellen - die sind da schon sehr weit", sagt von Blumröder. Ansonsten lägen die Nutzerzahlen "im homöopathischen Bereich".

Abseits von NFC gibt es in Deutschland noch einige andere Systeme zum Bezahlen per Smartphone. Dienste wie Yapital, aber auch viele lokale Anbieter sowie große Ketten setzen auf QR-Codes, die der Nutzer mit seinem Smartphone und der passenden App einscannen muss. "Für Händler ist das sehr praktisch, weil es keine Zusatzkosten verursacht", sagt Achim Himmelreich von der Unternehmensberatung Mücke, Sturm & Company, die verschiedene Mobile-Payment-Systeme getestet hat. "Der Kunde hat damit aber eigentlich nur Nachteile, weil es unbequemer und langsamer ist als andere Bezahlmethoden."

Bei Diensten anmelden

Außerdem ist die QR-Methode meistens auf eine funktionierende mobile Internetverbindung angewiesen, die es längst nicht an jeder Supermarktkasse gibt. NFC funktioniert dagegen auch ohne Netz. Außerdem gilt auch bei den QR-Codes: Jedes System funktioniert nur bei Händlern, die es unterstützen.

Wer sein Smartphone schon jetzt als Geldbörse einsetzen will, ob per NFC oder QR-Code, muss sich also bei einer ganzen Reihe von Diensten anmelden. Für Achim Himmelreich ist diese Vielfalt eines der größten Probleme bei der Durchsetzung von Mobile Payment: "Langfristig will der Kunde zum Bezahlen nicht zehn Apps auf einem Handy haben, sondern nur eine, die alles macht."

Und diese einheitliche Bezahl-App könnte, so der Experte, von einem alten Bekannten kommen: "Zurzeit sieht es am ehesten so aus, als würde sich Apple da mal wieder durchsetzen." Der Erfinder von I-Phone, App Store und I-Tunes hat im vergangenen Jahr sein eigenes Mobile-Payment-System auf Basis von NFC vorgestellt. Bisher gibt es Apple Pay aber nur in den USA - wann es nach Europa kommt, steht noch nicht fest.

Dass Apple Pay am Ende Marktführer wird, steht aber noch nicht fest. Konkurrenz für Apple gibt es schließlich genug, und zwar nicht nur in Form von Einzelhändlern, Kreditkarten- und Mobilfunkanbietern wie bisher. Stattdessen gehen Experten wie Professor Key Pousttchi vom Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung an der Universität Potsdam davon aus, dass neben Apple auch andere Netz-Riesen in den Markt einsteigen - also Google, PayPal, Amazon und Facebook.

Zielgerichtete Werbung

Attraktiv ist Mobile Payment für diese Firmen vor allem wegen der Daten, die sie dort sammeln können. "Der Verbraucher ahnt nicht, was diese Akteure alles über ihn wissen", sagt Pousttchi. Schließlich shoppen viele Verbraucher schon seit Jahren mit Hilfe der Unternehmen - aber eben nur im Netz. "Was ihnen noch fehlt, sind Daten aus der realen Welt." Genau wie beim Online-Shopping können Google, Apple und Co. aus den gesammelten Daten zielgerichtete Werbung erstellen. "Die Akteure wissen zum Beispiel, ob ein Kunde mehr Garantie will, mit einem fachkundigen Verkäufer sprechen will oder eher auf einen niedrigen Preis achtet", erklärt Pousttchi.

Das muss nicht unbedingt schlecht sein - einige Verbraucher wollen vielleicht genau solche auf sie zugeschnittene Angebote. Das Problem ist nach Ansicht des Experten vor allem die mangelnde Transparenz, im Netz und künftig vielleicht auch an der Kasse im Supermarkt. "Der Verbraucher ist unmündig und hat keine Kontrolle darüber, was jemand über ihn weiß und was er mit diesem Wissen macht", so Pousttchi.
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