Wirtschaftsweise blicken auf 2016
Sorge wegen Geldflut

Der Konjunkturaufschwung in Deutschland verliert nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen - (von links) Volker Wieland , Isabel Schnabel, Lars Feld, Christoph Schmidt und Peter Bofinger - wegen der Abkühlung der Weltwirtschaft etwas an Tempo. Bild: dpa

Mit Sorge beobachten die Wirtschaftsweisen die jüngste Geldflut der Europäischen Zentralbank (EZB). "Die lockere Geldpolitik kann erhebliche Nebenwirkungen haben", sagte Isabel Schnabel, Mitglied des Sachverständigenrates, am Mittwoch.

Frankfurt. Der eingeschlagene Kurs setze die Profitabilität der Banken immer stärker unter Druck und mindere den Reformdruck in Europa. "Die EZB hat deutlich stärker reagiert als in der Vergangenheit, das ist schon begründungswürdig", ergänzte Volker Wieland.

Die EZB hatte kürzlich den Leitzins im Euro-Raum auf null Prozent gesenkt, ihre Wertpapierkäufe abermals ausgeweitet und den Kauf von Firmenanleihen sowie neue Langfristkredite angekündigt. Sie will damit die Inflation und die Konjunktur anschieben. Die Gefahr einer Deflation - also einer Spirale sinkender Preise, die die Konjunktur abwürgen kann - sehen die Wirtschaftsweisen nicht.

Aufschwung verliert Tempo


Der Konjunkturaufschwung in Deutschland verliert derweil nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen wegen der Abkühlung in China und anderen Exportmärkten etwas an Tempo. Der Sachverständigenrat korrigierte am Mittwoch seine Prognose für dieses Jahr leicht nach unten. Die fünf Top-Ökonomen rechnen nun mit einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 1,5 Prozent, zuletzt waren sie von 1,6 Prozent ausgegangen. Folgen durch die Terroranschläge in Brüssel erwarten die Experten nicht. "Die Konjunkturaussichten werden dadurch nicht nichtig", sagte der Vorsitzende des Beratergremiums, Christoph Schmidt.

Vor allem die Konsumausgaben der Verbraucher und auch die Ausgaben des Staates für die Unterbringung und Integration Hunderttausender Flüchtlinge sowie die gute Lage am Arbeitsmarkt treiben die Konjunktur demnach an. Der Export dürfte als Wachstumsmotor ausfallen. Im kommenden Jahr soll die Wirtschaft um 1,6 Prozent zulegen.

Die Ökonomen gehen weiterhin davon aus, dass die Ausgaben für die Flüchtlinge in diesem und im nächsten Jahr ohne neue Schulden gestemmt werden können. Die Mehrausgaben einschließlich Verwaltung schätzen die Experten auf 13,7 Milliarden Euro 2016 und auf 12,9 Milliarden Euro im kommenden Jahr.

Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist die deutsche Wirtschaft zum Jahresanfang gegenüber dem Vorquartal um 0,5 Prozent gewachsen. Dieses hohe Tempo werde sie aber im weiteren Jahresverlauf nicht ganz halten können. Am Laufen gehalten wird die deutsche Wirtschaft nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen vor allem durch die Konsumfreude der Verbraucher.

Mehr Geld in der Tasche


Die Deutschen haben dank der niedrigen Inflation und Tarifabschlüssen, die voraussichtlich auch 2016 über der Preissteigerungsrate liegen, mehr im Portemonnaie. In diesem Jahr rechnen die Experten wegen des Ölpreisverfalls mit einer durchschnittlichen Teuerungsrate von nur 0,3 Prozent. 2017 sollte die Inflation auf 1,4 Prozent anziehen und läge damit weiter unter der Zielmarke der EZB von knapp 2 Prozent.

Risiken für die Konjunktur sehen die Experten in der Wiedereinführung von Grenzkontrollen wegen des Flüchtlingszustroms. Sollten die Personenkontrollen längere Zeit fortbestehen, würde der Warenverkehr behindert, warnte der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung - wie das Gremium offiziell heißt.
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