Wolfgang Wiegard zum Brexit
„Ins eigene Bein geschossen“

Von März 2001 bis Februar 2011 war Wolfgang Wiegard, als Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung einer der Wirtschaftsweisen. Bild: gib

Deutliche Worte findet Wolfgang Wiegard zu den Folgen des Brexit-Votums. Der frühere Wirtschaftsweise ist der Auffassung, die kurzfristigen Folgen seien für das Königreich sehr viel weitreichender als für den Rest Europas.

Regensburg. "Das Königreich hat sich ins eigene Bein geschossen", sagte der ehemalige Wirtschaftsweise und langjährige Volkswirtschaft-Professor an der Uni Regensburg am Donnerstag in einem Gastvortrag bei der Vertreterversammlung der Sparda-Bank. Das Votum habe "weitreichende Turbulenzen" ausgelöst, erklärte Wiegard vor rund 150 Teilnehmern im Tagungsraum der Continental-Arena. Er rechnet mit schwierigen und langwierigen Austrittsverhandlungen, da die Interessen sowohl zwischen Großbritannien und den verbleibenden 27 EU-Mitgliedsstaaten als auch unter den EU-Staaten selbst weit auseinander gingen.

"Norwegen-Modell"


Die kurzfristigen Folgen seien für das Königreich sehr viel weitreichender als für den Rest Europas, sagte er. Investoren würden Ansiedlungen auf der Insel zumindest hinauszögern, bis sie wissen, wie es weitergeht. Aus Unsicherheit werde auch der Konsum der Bevölkerung einbrechen. All das werde sich negativ auf das Bruttoinlandsprodukt auswirken. Auch in Deutschland werde das Bruttoinlandsprodukt in Folge des Brexits etwas zurückgehen - allerdings in "verkraftbarem" Maße. Die langfristigen Folgen seien abhängig von den künftigen Handelsvereinbarungen, erklärte Wiegard. Vorstellbar sei ein "Norwegen-Modell", das den Briten den Zugang zum gemeinsamen Binnenmarkt erhält, aber auch die Arbeitnehmerfreizügigkeit und finanzielle Beiträge zu bestimmten Projekten erfordert. Sicher ist sich Wiegard, dass die EU keine "Rosinenpickerei" zulassen werde. Ein solches Signal an Länder, die ebenfalls mit einem Austritt liebäugeln, solle tunlichst vermieden werden. Die größten negativen Auswirkungen würden sich ergeben, wenn Großbritannien den Zugang zum Binnenmarkt komplett verliere und Zollschranken aufgebaut würden, warnte Wiegard.

Politisch mache die seit 2010 andauernde Euro-Krise und nun der drohende Brexit klar, dass die "Geburtsmängel" der EU und der Währungsunion behoben werden müssten. Dafür müssten entweder die Nationalstaaten mehr Europa zulassen und ihre Souveränität stärker an Brüssel abgeben - was Wiegard für unwahrscheinlich hält. Oder die fiskalpolitischen Regeln müssten dahingehend verschärft werden, dass Verstöße gegen den Stabilitäts- und Wachstumspakt strenger geahndet würden. Auch das hält Wiegard angesichts der großzügigen Haltung von EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker für wenig realistisch.

"Durchwursteln"


"In den nächsten fünf Jahren wird man sich weiter durchwursteln", ist daher seine nüchterne Prognose. Nicht gerne hörten die Bankvertreter Wiegards Einschätzung zur Zinspolitik. Nach dem Brexit-Votum sei davon auszugehen, dass das Niedrigzinsumfeld bis zum Ende des Jahrzehnts anhält.
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