Zahlen, aber keine Werte

Ein hohes Einkommen oder Gesundheit in der Gesellschaft? Führen uns hohe Zinssätze oder nachhaltiges Wirtschaften dorthin? Die Kritik an herkömmlicher Wohlstandsmessung wächst, doch über Alternativen ist man sich noch nicht einig.

Schon vor gut 30 Jahren entschied der König des südasiatischen Kleinstaates Bhutan sich für das "Bruttonationalglück" zum Maß für den Wohlstand seines Volkes. Statt auf reinen ökonomischen Faktoren - wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) - basiert die Maßzahl auf buddhistischen Prinzipien und Werten, die Nachhaltigkeit und die eigene nationale Identität beinhalten. Ein Vorbild auch für westliche Länder? Seit Jahren wächst die Kritik an dem rein auf wirtschaftlichem Wachstum basierenden Denken. Spätestens seit der Club of Rome 1972 "Die Grenzen des Wachstums" anmahnte, fand die Diskussion eine breite Aufmerksamkeit. Die EU-Kommission empfahl Anfang des Jahres Werte wie Bildungsabschlüsse, Gesundheit oder Artenvielfalt, die das BIP ergänzen sollen.

Unglaubliches Tempo

"Die Menschen in den Industrieländern realisieren, dass sie in einem unglaublichen Tempo leben", erklärt Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Es wachse das Unbehagen gegenüber der Vorherrschaft des Ökonomischen. "Die Sehnsucht nach Alternativen ist groß." Doch was ist dann der richtige Ansatz, um eine Gesellschaft zu Wohlstand zu bringen? Eine Enquete-Kommission der Bundesregierung schlug Indikatoren vor, die neben materiellem Wohlstand, Soziales, Teilhabe und Ökologie abbilden. Auch Internationale Organisationen wie OECD und WWF haben eigene Indizes entworfen.

"Das Problem ist, dass wir von der Vielfalt an Messmöglichkeiten überflutet werden", sagt Professor Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Es bleibe nichts anderes übrig, als dass die globale Mittelklasse und globale Eliten etwas abgeben, sagt Unmüßig. Einer ähnlichen Argumentation folgte die Debatte auf der "Degrowth"-Konferenz Anfang September in Leipzig, deren Thema Kritik an der Wachstumsgläubigkeit der Wirtschaft auf Kosten des ökologischen Gleichgewichts ist, erklärte Mitinitiator Christopher Laumanns.

Grömling will sich von der Idee des Wachstums nicht komplett verabschieden. "Das BIP ist ein toller Indikator, um die materielle Entwicklung einer Gesellschaft abzubilden." Es erfülle aber nicht den Zweck eines alleinigen Wohlstandsmaßes.
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