Zwischen Boom und Bärenmarkt
Lohnende Aussichten an den Börsen

Bis 10. April ging es für den deutschen Leitindex Dax stetig nach oben. Danach kehrte Ernüchterung ein. Doch die Börsianer erwarten für die kommenden Monate tendenziell steigende Kurse. Archivbild: dpa

Frankfurt. Minizinsen, Dividendenrekord: Es spricht momentan einiges dafür, Geld in Aktien zu stecken. Im Frühjahr kletterte der Deutsche Aktienindex (Dax) auf den Rekordstand von fast 12 400 Punkten. Und obwohl anhaltende Sorgen um die Konjunktur in China und zuletzt der VW-Abgas-Skandal und die Terroranschläge von Paris die Börsen wieder nervös machten, schrieb der deutsche Leitindex auf Jahressicht Erfolgsgeschichte. Die meisten Deutschen lockt das nicht: Sie gehen bei der Geldanlage auf Nummer sicher und machen um Aktien und Fonds einen großen Bogen.

Auch Minizinsen für Sparbuch und Tagesgeld führten nach Feststellung der Bundesbank nicht dazu, dass Verbraucher in riskantere Anlagen investieren. Im Gegenteil: Der Anteil der als sicher geltenden Sichteinlagen stieg in den vergangenen Jahren sogar noch. Gut zwei Billionen Euro werden nach jüngsten Zahlen in schnell verfügbarer Form - etwa als Tagesgeld - gehortet, obwohl das derzeit kaum Zinsen bringt.

"Risikoaversion"


Die Bundesbank erklärt das mit einer "ausgeprägten Risikoaversion" der Bundesbürger: Sie nehmen eher reale Verluste in Kauf, als für die Aussicht auf höhere Rendite Risiken einzugehen. Nach jüngsten Zahlen des Deutschen Aktieninstituts (DAI) kehrten im Jahr 2014 rund eine halbe Million Deutsche dem Aktienmarkt den Rücken. Nur noch 8,4 Millionen Menschen in Deutschland - rund 13 Prozent (Vorjahr: 13,8 Prozent) der Bevölkerung - hatten nach DAI-Angaben Geld in Aktien und/oder Aktienfonds angelegt. Damit ist die Aktienkultur in Europas größter Volkswirtschaft nicht nur im internationalen Vergleich unterentwickelt, das Interesse der Bundesbürger sank dem DAI zufolge auch in etwa wieder auf das niedrige Niveau während der Finanzkrise 2007/2008.

"Tag der Aktie"


Mit einem "Tag der Aktie" versuchten Deutsche Börse und mehrere Direktbanken im März, die Aktie bei Privatanlegern populärer zu machen. "Wenn wir aus den Köpfen der Menschen die falsche Vorstellung nicht rauskriegen, dass Aktie automatisch mit Geldverlieren verknüpft wird, dann bekommen wir in Deutschland keine Aktienkultur hin", warb der stellvertretende DAI-Geschäftsführer Franz-Josef Leven.

Der Zeitpunkt der Werbeaktion konnte glücklicher nicht gewählt sein: Der Dax eilte zu Jahresbeginn von Rekord zu Rekord. 10 000 Punkte Mitte Januar, 11 000 Punkte Mitte Februar, 12 000 Punkte Mitte März - bis zum Allzeithoch von 12 374 Punkten am 10. April ging es bergauf. Weder das Gezerre um den Pleitekandidaten Griechenland noch die Russland-Ukraine-Krise bremsten den Höhenflug. Aktionäre konnten sich zudem über einen nie dagewesenen Geldregen freuen: Die 616 börsennotierten Unternehmen in Deutschland schütteten nach Berechnungen der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) die Rekord-Dividende von 41,7 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner aus.

Viele Anleger machten nach den rasanten Kursgewinnen im Sommer Kasse. Kleinanleger nutzten die folgenden Kursrückgänge jedoch kaum für Aktienkäufe. "Obwohl Kurseinbrüche - wie beispielsweise im August - Einstiegsperspektiven bieten, dürfte die Geldvermögensbildung in Aktien im Gesamtjahr 2015 insgesamt negativ bleiben", bilanzierte die DZ Bank Anfang November in einer Studie.

Mindestens bis März 2017


Dabei gelten die Aussichten an den Börsen als durchaus lohnend. Viele Experten erwarten für die nächsten Monate steigende Kurse. Einer der Haupttreiber: die anhaltende Flut billigen Geldes. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird die Märkte bis mindestens März 2017 mit Geld fluten. Anfang Dezember verlängerten die Währungshüter ihr milliardenschweres Anleihenkaufprogramm. Zudem senkten sie den Strafzins für geparkte Bankgelder auf 0,3 Prozent.

Der Anlagenotstand bleibt also groß, was viele Investoren in Aktien treiben dürfte. Fundamental dürfte sich daran nach Überzeugung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer 2016 wenig ändern: "Die Konjunktur in den USA läuft, während im Euro-Raum der Knoten wohl erneut nicht platzen wird. Deshalb dürfte die EZB ihre Geldpolitik im Zweifel weiter lockern, was wiederum den Euro belasten und den Aktien Rückenwind geben würde."
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