Ober sticht Unter
Zoff beim Ebnather Neujahrsempfang

Nicht alle Gäste beim Neujahrsempfang der Gemeinde Ebnath wussten, ob sie lachen oder weinen sollten. Der verbale Ritt des Bürgermeisters durch das Gemeindegeschehen ließ manchen etwas ratlos zurück. Diskussionsstoff gab es anschließend zur Genüge. Bilder : soj (2)
Vermischtes
Ebnath
09.01.2016
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Bürgermeister Manfred Kratzer verteilte auf dem Neujahrsempfang der Gemeinde Ebnath Lob und Tadel. Die kabarettistische Note des kritischen Teils der Rede war aber offenbar nicht zwingend allgemeinverständlich.

In Ebnath ist es kommunalpolitisch selten langweilig. Bürgermeister Manfred Kratzer ist mit unkonventionellen Wortbeiträge nicht ganz unschuldig daran. Manchmal kommt das nicht gut an - so wie beim Neujahrsempfang der Gemeinde, als sich viele Gäste auf den Schlips getreten fühlten.

(soj/man) "Der Neujahrsempfang der Gemeinde soll eine Betrachtung des Miteinanders und der Gegensätze sein", leitete der Verwaltungschef eine Rede ein, die noch lange im Gedächtnis der Leute bleiben wird. Was nach den Worten Kratzers als kabarettistisch gewürzter Auftritt geplant war, entfaltete offensichtlich in manchen Teilen die Wirkung einer Gardinenpredigt.

Watschen für Wanderer


Lob hört jeder gerne (siehe Bericht unten auf dieser Seite), Tadel kommt nur begrenzt an. Die kritischen Worte von Bürgermeister Manfred Kratzer sorgten am Dienstag aber für einen gewissen Aufruhr. Zunächst war der Wanderverein an der Reihe, der nach Kratzers Meinung zu wenig in Erscheinung trete. So manch einer sage sogar, dass der Verein die eine oder andere eigene Veranstaltung aus dem erwirtschafteten Vermögen der Vergangenheit bestreite und es sich gut gehen lasse, bis die Rücklagen aufgebraucht seien. "Aber egal was erzählt wird, der Verein macht sich bemerkbar." Bei der Jungen Union hegte Kratzer die Befürchtung, dass sich die jungen Menschen gestalterisch zurückziehen. Sie seien beim vergangen Weihnachtsmarkt nicht mit einem Stand vertreten gewesen. Kratzer forderte die JU auf, wieder aktiver in der örtlichen Gemeinschaft mitzumachen.

"Grund zur Freude?"


An die anwesenden Feuerwehrkameraden gewandt, sprach er das genehmigte neue Feuerwehrauto im Wert von rund 400 000 Euro an. "Ist das nicht ein Grund zur Freude?" Eigentlich müsste die Feuerwehr sehr dankbar sein, dass der lange gehegte Wunsch endlich in Erfüllung gehe. Bürgermeister Kratzer sprach schließlich eine Bitte aus: "Es wird viel zu wenig mit der Gemeinde und viel zu viel über sie geredet." Es heiße ja, dass Reden die Leute zusammenbringe.

Eine andere Meinung zu vertreten sei legitim, aber diese sollte man dann auch seinem Vorgesetzten mitteilen: "Und ihr wisst, der Ober sticht immer den Unter", so die mahnenden Worte. Der Frauen-Union, die er als "politisches Anhängsel der zurzeit noch allein regierenden Partei Bayerns" bezeichnete, attestierte Kratzer, dass sie wenig Kontakt mit dem Bürgermeister und der Gemeinde hätten. Ab und zu mal eine örtliche Veranstaltung und die alljährlichen Ausflüge ins Münchner Land fänden schon statt, aber ähnlich wie bei der Jungen Union sollten sich die Damen stärker im Ort einbringen.

Sand im Getriebe


Dem anwesenden DJK-Vorsitzenden Robert Söllner bescheinigte der Bürgermeister, dass die DJK zwar ein großer, aber nicht der einzige Verein sei. Auch hier sei in der Kommunikation mit der Gemeinde Sand im Getriebe.

Große Enttäuschung


Als "Enttäuschung des Jahres 2015" bezeichnete der Bürgermeister die Zusammenarbeit mit dem Gewerbeverein. Kratzer appellierte an Eberhard Söllner und Uwe Kern: "Nur im Miteinander können wir Ziele erreichen. Ich baue auf euch, dass ihr eurer Verantwortung als Ebnather Bürger nicht nur im Privatbereich, sondern auch im geschäftlichen Handeln nachkommt. Vor allem wäre Solidarität und Kontinuität gefragt."

"Verbesserungsbedürftig"


Der Verwaltungsgemeinschaft in Vertretung von Stefan Roth dankte der Bürgermeister für das offene, freundliche und konstruktive Miteinander. Er regte aber an, den Arbeitsprozess zu optimieren. "Denn das zielführende Zuarbeiten ist aus meiner Sicht auf jeden Fall verbesserungsfähig", so der Bürgermeister.

Reaktionen: "Eine völlig neue Dimension"Ebnath. (man) "Eine völlig neue Dimension einer Neujahrsansprache" erreichte nach Meinung von Inge Stich die Rede des von Bürgermeister Manfred Kratzer (SPD). Die Vorsitzende der Frauen-Union war sauer: Es wurden einige Vereine und Institutionen vom Bürgermeister gerügt. Weiß dieser Herr denn nicht, dass eine Vielzahl der Ebnather Bürger gleichzeitig in mehreren Vereinen als Mitglied vertreten ist und dass alle bemüht sind, ihr Bestes zu geben." Die Frauen-Union sei in den Kreis-, Bezirks- und Landesversammlungen vertreten und somit ehrenamtlich mehr unterwegs als in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Die FU habe sich in der Vergangenheit immer an gemeindlichen Veranstaltungen wie Christbaumverbrennen, Kirchweih oder Bürgerfest beteiligt. Noch mehr könne sich die FU nicht einbringen. "Anderseits kann man sich fragen, wo denn der SPD-Ortsverein in den letzten Jahren war".

CSU-Fraktionsvorsitzender Josef Söllner nutzte die Gemeinderatssitzung am Donnerstag, um seinem Unmut Luft zu machen: "Wir als CSU-Fraktion sind der Meinung, dass es zu den Aufgaben eines Bürgermeisters und des gesamten Gemeinderats gehört, eventuell vorhandene Gräben zwischen Vereinen und Institutionen, zwischen Bürgern und Gemeinde zuzuschütten, Konsens und Zusammengehörigkeitsgefühl zu fördern. In einer Neujahrsansprache einzelne Vereine und deren Vertreter öffentlich vorzuführen und zu tadeln, trägt sicherlich nicht dazu bei, die Gemeinde zu vereinen und dazu zu animieren, an einem Strang zu ziehen.

Die Gemeinderatsfraktion der CSU teilt die Meinung des Bürgermeisters nicht und missbilligt große Teile dieser Neujahrsrede. Die CSU-Fraktion bewertet die Arbeit der Ebnather Vereine und Verbände als durchwegs positiv und bedankt sich bei deren Vertretern, die alle ehrenamtlich tätig sind und ihre Freizeit dafür opfern. Unserer Meinung nach hat jeder Verein seinen Teil zum Gelingen eines guten Miteinander in der Gemeinde Ebnath beigetragen."

Bürgermeister Manfred Kratzer verstand im Gespräch mit unserer Zeitung die ganze Aufregung nicht. Er habe die Gäste darauf hingewiesen, dass seine Ausführungen mit einem Augenzwinkern zu verstehen seien. Wörtlich habe er gesagt: "Ich begebe mich also heute in die Fußstapfen bekannter Kabarettisten und pointierter Rhetoriker, denen man Kritik nicht übelnimmt und auch über Nachdenkliches noch schmunzelt." Das scheint wohl im Wesentlichen misslungen zu sein.
1 Kommentar
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Manfred Reith aus Waldsassen | 11.01.2016 | 13:59  
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