Unerfüllter Traum: Weihnachten in Frieden
Heimatforscher erkundet Postkarte von 1915

Männer mit Heimweh: Anton Kraus (Pfeil) als Soldat im Ersten Weltkrieg, dessen Ende er nicht mehr erleben sollte. Repro: Josef Wiche
Vermischtes
Ebnath
23.12.2015
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Mehlmeisel. Rita Spannl stöbert gerne in einer Kiste mit alten Fotos, Postkarten und Schriftstücken aus dem Nachlass ihres längst verstorbenen Großvaters Johann Kraus, bekannt als "der Bruderschuster". Fast ehrfürchtig hält sie die Postkarte in den Händen, die sie, vor allem jetzt in der Adventszeit, ganz besonders bewegt.

"Anton Kraus, der Bruder meines Großvaters, hat die Karte an Weihnachten 1915, also vor genau 100 Jahren als Soldat im Ersten Weltkrieg nach Hause geschickt", erzählt die Mehlmeiselerin. Heimatforscher und Chronist Josef Wiche betrachtet die persönlichen Sammlung ebenso mit großer Ehrfurcht: "Weihnacht in der Sicherheit des heimatlichen Dorfes, in der Geborgenheit der Familie, war der Wunschtraum von Soldaten und sie bewältigten ihre Sehnsucht in Briefen und Postkarten. Anton Kraus, gerade mal 19 Jahre alt, war zur Weihnachtszeit 1915 noch in einer Kaserne bei Fürth stationiert und er schickte mit Unterstützung des Roten Kreuzes ein Paket nach Hause. "Wahrscheinlich waren Nürnberger Lebkuchen drin", vermutet Wiche.

Feuerzeuge wertvoll


Jedenfalls legte Anton Kraus zwei Feuerzeuge aus dem Armeebestand in das Paket und er schrieb offenbar in Eile ein paar Zeilen auf die Weihnachtskarte. "Mit der Rechtschreibung nahm man es damals auf dem Dorf nicht so genau, aber das macht ja diese Texte so sympathisch", lächelt Wiche, und er liest vor, was der Soldat mit Bleistift auf die Karte gekritzelt hat: "Liebe Mutter, Ich habe 2 Feuerzeug hinein, soll der Hans das andere Wirtssef geben, ich schicke ihn später noch eins. Grus Anton". Auch die genannten Namen konnte Wiche zuordnen: "Der Hans" war der Großvater von Frau Spannl und "Wirts-Seff" war der befreundete Nachbar, Metzger Josef Schinner. "Zweifellos waren die metallischen Benzinfeuerzeuge ein wertvolles Geschenk", ist der Heimatforscher überzeugt. Aus Rita Spannls Sammlung geht hervor, dass Anton Kraus unmittelbar nach den Weihnachtsfeiertagen an die französische Front abkommandiert wurde. Bereits am 29. Dezember 1915 schrieb er eine Karte mit "Gruß aus dem Feindesland".

Weitere Feldpost folgte, mit der der junge Soldat sein Heimweh verarbeitete. Leider sah er seine Heimat nicht mehr wieder, denn er fiel am 25. September 1916 im französischen Dorf Flers an der Somme, noch keine 20 Jahre alt.
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