Besuch bei der Schildkrötenfarm in Edelsfeld
Ganze Armada aus Panzern mit Beinchen

Die kleine Breitrand-Schildkröte ist im August 2015 geschlüpft und war von Oktober bis März in der Winterstarre. Sie ist immer noch so winzig, wie die Blüte eines Löwenzahns.
Freizeit
Edelsfeld
20.05.2016
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Liebevoll kümmern sich bei den Kopps auch die Kinder um die Tiere, in diesem Fall eines, das vom Vorbesitzer falsch gehalten wurde. Äußeres Zeichen dafür sind die ausgeprägten Höcker, zumeist hervorgerufen durch unpassendes Futter.
 
Hektor lässt nicht locker: Unentwegt hat er Kia verfolgt, bis es ihm gelingt, das Weibchen zu besteigen. Die Züchter Pat und Jenny Kopp wissen, dass der Paarungsdrang der männlichen Schildkröten nahezu unersättlich ist. Bilder: Petra Hartl (7)

Sie muten mit ihren Panzern an wie Relikte aus vergangenen Urzeiten. Ihre Nachfahren in Plüsch gehen heute als Spielzeug-Schildis über den Ladentisch oder in den Internethandel: Schildkröten. In Edelsfeld indes sind die aus aller Herren Länder stammenden Kriechtiere nicht zum Kuscheln da. Sie leben auf einer Farm.

Bevor die Pressefotografin im Tropenhaus ins Gehege zu den Afrikanern Elsa, Hubert, Anna, Olaf und Mimi steigt, fragt sie besorgt: "Beißen die?" Patrick Kopps Antwort lässt sie dann doch entspannt in dem mit Fußbodenheizung ausgestatteten Nebengebäude ans Werk gehen: "Die beißen nicht und sie springen auch nicht", räumt er mit einem oft gehörten Irrglauben auf.

Keine fünf Minuten


Allerdings macht der Farm-Besitzer auch gleich deutlich, dass es von dieser Regel zwei Ausnahmen gebe: bei der Alligator-Schnappschildkröte - und wenn jemand rote Schuhe trägt. Keine fünf Minuten später, nun bereits im Freigehege, drückt die Fotografin - in roten Schuhen - konzentriert den Auslöser ihrer Kamera und zuckt gleich darauf erschrocken zusammen: Wie von einer unsichtbaren Leine gezogen, war die griechische Landschildkröte Otto auf sie zugesteuert und wollte gerade ansetzen, an der Schuhspitze zu knabbern.

Geschichten wie diese wissen Jennifer und Patrick Kopp reichlich zu erzählen. Aber auch viel Wissenswertes über die von ihnen gehaltenen Tiere. Etwa, dass es noch Exemplare gibt, durch deren Panzer Menschen früher ein Loch gebohrt haben, damit sie an einem Baum oder Pfahl mit einem Strick festgebunden werden konnten, um sie so am Weglaufen zu hindern.

In Züchterkreisen sind solche Methoden natürlich verpönt. Für sehr begehrt werden beispielsweise Strahlenschildkröten aus Madagaskar gehalten, von denen die Edelsfelder Familie auch einige Exemplare besitzt: "Besonders gefragt sind die eierlegenden Weibchen", weiß Jenny Kopp.

Vom Sexualverhalten


Dies gelte jedoch nicht nur für diese Gattung, sondern ganz allgemein für alle Schildkröten zusammen. Das hängt in erster Linie mit dem Sexualverhalten dieser Reptilien zusammen. Denn, auch wenn sie kleiner von Wuchs sind, sind die Männchen kaum zu bändigen. "In einem Bestand sollten auf ein Männchen, wenigstens zwei, besser noch drei Weibchen kommen", schildert Pat Kopp die unersättliche Gier nach Paarung.

Und, als wäre es zum Beleg für die Aussage im Drehbuch für den Reporterbesuch gestanden, legt Schildkröterich Hektor los, knallt mehrfach mit dem Panzer auf die flüchtende Kia und gibt nicht eher nach, bis er das Weibchen unter sich hat. "Wir wollen es hier so artgerecht wie möglich haben", erklären die beiden Züchter. Deshalb greifen sie auch nicht ein, als Hektor befriedigt von Kia ablässt - und sich sofort auf die Suche nach einem neuen Objekt seiner schier endlos erscheinenden Begierde begibt. Da ist der Kollege von der tunesischen Landschildkröten-Fraktion ganz klar im Vorteil: In seinem Revier tummeln sich gar sechs Weibchen.

Extreme Höckerbildung


Zur artgerechten Haltung gehört für Jenny und Pat Kopp, dass unterschiedliche Rassen auch in jeweils abgegrenzten Gehegen leben und sich hier bewegen oder auch sonnen können. Nicht minder wichtig ist die richtige Ernährung: "Hier werden von Haltern die meisten Fehler begangen", wissen beide.

Nicht im Kühlschrank


Schnellerer Wuchs und teils extreme Höckerbildung seien die Folgen, fügen sie hinzu und: "Gras fressen sie nicht." Ansonsten nahezu alles, was in der Gegend grünt: Löwenzahn, Ringel- und Gänseblumen, Wegerich, aber auch Insekten, Würmer, Brennnesseln oder Disteln. Wichtig sei eine calciumreiche Nahrung, etwa Sepiaschale oder Rinderknochen. Und sie ergänzen mit Nachdruck: "Auf keinen Fall sollen sie Hunde- oder Katzenfutter bekommen."

Damit die Kriechtiere nachts geschützt sind, etwa vor Marder- und Habichtattacken, hat Patrick Kopp auf dem Farmgelände mehrere kleine Schutzhütten errichtet, in denen sich außerdem die Wärme hält. Diese sind zugleich das Winterquartier für seine Schildkröten. Sie graben sich dort im Spätherbst ins lockere Erdreich ein und verschlafen so die kalte Jahreszeit. "Uns ist noch kein Tier über den Winter eingegangen", schildern die beiden überzeugten Fans von Bayern München ihre Erfahrungen. Vom Winterschlaf in Kühlschränken sind die Kopps ebenso wenig überzeugt wie von der Haltung von Schildkröten in Terrarien: "Sie sollten im Freiland leben."

Die Weibchen legen in der Natur sechs bis zwölf Eier und vergraben sie, ohne zu brüten. So geschieht das auch auf der Farm. Allerdings mit dem Unterschied: "Wir werfen die meisten Eier weg", schildern die Kopps. Es sei denn, es liegt eine Bestellung für eine bestimmte Rasse vor. Dann dürfen die Jungen schlüpfen und werden verkauft.Auch wenn sie mit acht bis zwölf Gramm Geburtsgewicht recht putzig aussehen, unterstreicht Pat Kopp: "Kuscheltiere sind Schildkröten auf gar keinen Fall. Das sind wilde Tiere." Und wenn Fehler geschehen, dann mache sie der Mensch.

Schildkrötenfarm in EdelsfeldSeit zehn Jahren befassen sich Jennifer (Jenny) und Patrick (Pat) Kopp mit Schuldkröten. Beide besaßen schon als Kinder solche aus der Urzeit stammenden Lebewesen. Als sie dann geheiratet hatten, hielten sie die ersten Landschildkröten auf gerade mal acht Quadratmetern.

Heute umfasst die Farm nahezu den gesamten Garten der Familie und die Fläche ist auf das Hundertfache angewachsen. Auch der Bestand und die Artenvielfalt haben sich enorm erweitert. Heute sind es rund 70 Tiere, die die Kopps ihr Eigen nennen - angefangen von solchen aus Europa, aber auch aus Tunesien, Somalia oder Äthiopien, von Breitrand-, Panther-, Stern- und Sporn- bis hin zu Köhler- und Strahlenschildkröten.

Die Familie Kopp hat nichts dagegen, wenn sich interessierte Besucher das kleine Panzer-Idyll in Edelsfeld ansehen wollen, macht aber dennoch deutlich: "Wir sind kein Zoo." Deshalb sollte vorher Kontakt aufgenommen werden (patrick.kopp@directbox.com), nicht zuletzt auch aus Rücksicht auf das Privatleben und die eigene Familie. Nahezu im Wochenturnus gehen bei den Kopps Anfragen von Haltern ein, Schildkröten bei ihnen abgeben können, wenn diese sich selbst nicht mehr darum kümmern können. "Ja, das machen wir", sagt Pat Kopp. Er macht aber auch deutlich, dass die Anzahl begrenzt sei, schon aus Kosten- und Platzgründen.

Andererseits trete man durchaus auch als Vermittler auf. Schließlich kenne man ausgesuchte Familien, die im Umgang mit Schildkröten über eine gewisse Erfahrung verfügen.


Die beißen nicht und sie springen auch nicht.Patrick Popp über seine Schildkröten


Kuscheltiere sind Schildkröten auf gar keinen Fall. Das sind wilde Tiere.Patrick Kopp
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