Heimatpflegerin Martha Pruy plaudert über die Tracht im Vilstal
Schopperl und gelbe Lederhosn

Begeisterung löste Martha Pruy besonders bei den Frauen aus, als sie Beispiele der erneuerten Oberpfälzer Tracht vorstellte - wir diese prächtige Schürze. Bild: sön
Kultur
Ensdorf
12.03.2016
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Samt oder gar Seide zu tragen, war Bauersfrauen, deren Töchtern und natürlich auch den Mägden verboten: Die pfälzische Kleiderordnung von 1465 machte hier strenge Vorgaben. Die stießen jetzt in Ensdorf auf großes Interesse.

Der Heimat- und Kulturverein hatte Kreisheimatpflegerin Martha Pruy ins Gasthaus Dietz eingeladen. Die Expertin gab Einblicke ins Thema "Dirndl und Tracht im Vilstal". Und erläuterte zunächst den Begriff Tracht: Dieser komme von Tragen, von "tragen müssen".

"Nahezu 500 Jahre gab es peinlichst genaue Kleiderordnungen, die den Ständen ihr Gewand vorschrieben", berichtete Pruy. Diese Vorschriften mussten genau eingehalten werden. Weltliche und geistliche Obrigkeiten achteten auf die Kleidung ihrer Untertanen und Pfarrkinder - "aus Sorge um Sitte und Anstand, insbesondere, damit die kleinen Leut' nicht der Hoffart verfallen."

Wolle, Leinen, Leder


Der Adel hob sich laut Pruy dabei deutlich von den unteren Ständen ab, weniger in Form und Schnitt, als durch die verwendeten Materialien. Mit zahlreichen Bildern belegte Martha Pruy, dass die Forschung sich zur Frage, "was wann und von wem getragen wurde", an Votivtafeln, Kirchengemälden und auch Kleiderordnungen in Archiven orientiert habe.

Die Stoffe der Region seien Wolle, Leinen und auch Leder gewesen. "Oft als gelbe Lederhosen - denkt an Fensterleder - wie sie die Egerländer und Franken trugen - und meist auch Wadlstiefel." Die Kopfbedeckung der Männer war in der Oberpfalz der Dreispitz. Wirte und Müller hätten "als bessere Leit" dazu ein rotes, oft auch blumiges Leiberl angezogen.

Knielange Jacken


Später sei die Kleidung an der Vils und um Amberg herum durch knielange Jacken (Schopperl), die Leder- durch Wollhosen und der Dreispitz durch den Zylinder ersetzt worden. Als Arbeitskleidung der Männer waren bis in die 1960er-Jahre blaue Jacken und Hosen sowie der Fürfleck (Schurz) gang und gäbe. Das Frauengewand war laut Pruy zweigeteilt - mit fast bodenlangem Rock und einem eng anliegenden Schopperl, kleinen Schößchen, engen Ärmeln oder ärmellos und miederartig geschnitten. Der Rock war meist schwarz: Nur jungen Mädchen war standesrechtlich ein farbiges Modell gestattet.

Zur Arbeit zog man eine schmale Schürze darüber, dazu ein Kopftuch mit Gebände ums Kinn oder eine das Haar eng umschließende Haube. Um den Hals lag ein Schulterkragen oder ein rechteckiges Florhalstuch. Die Schuhe waren flach, dazu gestrickte oder gewirkte Strümpfe. Nicht nur den Stand, auch die Religion sah man der Kleidung an, hob Martha Pruy hervor: "Aber nach der französischen Revolution wurde die Kleiderordnung aufgehoben. Jeder konnte tragen, was er wollte - und sich auch leisten konnte." Auf Bildern wie vom Oktoberfestzug aus dem Jahr 1911 zeigte sie reich verzierte Trachten aus dem Schwandorfer Raum oder aus Fürnried nach 1945, "der man die Verwandtschaft zu Franken ansieht". Ebenso eine Sulzbacher Volkstanzgruppe um 1936 "mit protestantischen Bänderhauben", aber auch ein Hochzeitspaar um 1900 in städtischer Tracht, "denn alle städtischen Modeströmungen kommen früher oder später aufs Land".

Ein Stück IdentitätImmer mehr junge Leute wollen heute mit Trachten zeigen, "wo ich herkomme", davon ist Kreisheimatpflegerin Martha Pruy überzeugt und belegte dies bei ihrem Vortrag in Ensdorf auch mit Fotos. Sie zeigte dabei die Merkmale der erneuerten Oberpfälzer Trachten auf. "Typisch ist die Jacke mit hinten dem Schwanzl, beziehungsweise dem Spitzl." Sie hatte viele Muster mitgebracht, empfahl ihren Zuhörern den Besuch von Trachtenschneiderkursen und des Trachtenmarkts in Garching. Sie war sich sicher: "Beim Trachten-Wertegefühl geht die Woge nach oben." Der Vorsitzende des Heimat- und Kulturvereins, Gerhard Tschaffon, sah das ähnlich. Er war sich sicher: "Tracht hat etwas mit Selbstbewusstsein zu tun." (sön)
Nahezu 500 Jahre gab es peinlichst genaue Kleiderordnungen, die den Ständen ihr Gewand vorschrieben.Heimatpflegerin Martha Pruy
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