Das Mädchen ohne Handy

Maika mit dem Handy, das ihr Vater mit dem Hammer zerstört hat. Heute entlockt ihr die Aktion ein Lächeln, damals war sie stocksauer. Bild: Hartl
Lokales
Ensdorf
21.10.2015
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Fast rund um die Uhr chattet Maika mit ihren Freundinnen. Das Handy ist ständiger Begleiter der 13-Jährigen. Bis ihr Vater das Telefon mit einem Hammer zertrümmert. Ein Schlag, der das Leben des Mädchens verändert.

Handy, Handy, nochmals Handy. Für Maika Piehler aus Ensdorf (Kreis Amberg-Sulzbach) dreht sich der Alltag vor allem um Whatsapp, Instagram und Co. So wie für fast alle Mädchen (und Jungs) in ihrem Alter. Soziale Netzwerke in der Dauerschleife. Bei Maika hat die Handy-Sucht auch Auswirkungen auf die schulischen Leistungen. Die Noten der Siebtklässlerin am Amberger Gregor-Mendel-Gymnasium werden immer schlechter.

Die Konflikte wegen des Handys nehmen daheim zu. Bis Maikas Vater Andreas der Kragen platzt. Der Architekt schnappt sich in der Küche das Mobiltelefon, wirft es auf den Boden, schlägt es gegen die Kommode. Schließlich sucht er einen Hammer und zertrümmert das weiße Smartphone. Vier Monate ist das jetzt her. Das zerstörte Handy hat Maika aufgehoben. Es liegt in ihrem Zimmer, wie ein Symbol für eine Zeitenwende.

Die Piehlers - eine ganz normale Oberpfälzer Familie. Die Kinder Johannes (22), Maika (13), Laila (9) und der Labrador Gino (6). Mama Heike, eine gelernte Erzieherin, managt den Alltag. Papa Andreas arbeitet in Nürnberg. Es wird gemeinsam gefrühstückt. Unter der Woche läuft der Fernseher fast nie. Die Ensdorfer gehen in ihrer Freizeit gerne Wandern, sind viel in der Natur.

Im Haus gibt es W-Lan. Für Maika, die ein Handy mit Prepaid-Vertrag, also ohne Internet besitzt, ist das der Türöffner ins Netz. Sie ist online während der Hausaufgaben, abends, nahezu rund um die Uhr. Als die Noten schlechter werden, nehmen ihr die Eltern das Handy immer häufiger weg. Doch Maika findet ihr Smartphone, egal wo es versteckt ist. Notfalls sucht sie es um 3 Uhr nachts. "Wollt ihr mir meine Freunde wegnehmen? Wollt ihr mich zum Außenseiter machen?", klagt das Mädchen. Bis der Vater zum Hammer greift ...

Ein "bisschen süchtig"

Seitdem hat sich einiges verändert bei Maika und ihrer Familie. Die Gymnasiastin macht wieder mehr Sport, spielt Tennis, joggt, geht viel mit dem Hund spazieren. Sie liest Bücher. Die Familie sitzt wieder bei Spieleabenden zusammen. Den zunächst unfreiwilligen Handy-Verzicht, sieht Maika jetzt als absoluten Gewinn: "Ich bin im Bus in die Schule gefahren und alle haben in ihr Handy geschaut. Jetzt schau ich mir die Leute an." Sie sei in der Tat "ein bisschen süchtig" gewesen, gibt Maika zu: "Gelernt habe ich auf den letzten Drücker."

Mama Heike ist ein wenig stolz, wie Maika mit der Situation umgeht: "Wir sind wieder wichtig. Die Familie ist ihr soziales Netz, das hat sie erkannt." Zudem ist sie froh, dass sie die "echten" und besten Freunde ihrer Tochter jetzt wieder kennt: "Die rufen am Festnetz an." Raus aus der Anonymität im Netz, ein großer Schritt für ein junges Mädchen. Im neuen Schuljahr fragten viele Schüler nach ihrer Telefonnummer. "Mein Handy ist kaputt", sagte sie dann erst einmal. Als sie schließlich erzählte, dass der Smartphone-Stopp nicht ganz freiwillig über die Bühne ging, hätten einige Schüler gesagt: "Du hast ja einen Ursteinzeit-Vater."

Maika ging mit ihrer Handy-Auszeit an die Öffentlichkeit, schrieb einen Leserbrief an unsere Zeitung. Die Resonanz nach der Veröffentlichung vor zwei Wochen war durchweg positiv, erzählen die Eltern. Und auch Maika musste sich in der Schule kaum dumme Sprüche anhören. "Viele haben vielleicht insgeheim gedacht: Vielleicht hat sie ja recht," glaubt die 13-Jährige.

Heike Piehler will die Handy-Problematik nicht pauschal für alle Jugendlichen gelten lassen: "Es gibt Kinder, die können damit umgehen." Ihre Tochter nicht. "Ich fühl mich jetzt freier", gibt das aufgeweckte Mädchen zu: "Und es ist wertvolle Zeit, die am Handy verloren geht." Der Mobilfunk-Wahn ist auch ein echter Konsumterror, klagt die Mama an: "Jeder braucht das neueste, das teuerste Handy, das kann es doch nicht sein."

Maika hat ihren eigenen Kopf, sie geht manchmal ungewöhnliche Wege. So hat sie ihre Konfirmation, die nächstes Jahr geplant war, abgesagt. Nicht aus mangelndem Glauben. Die Ensdorferin sagt: "Ich habe festgestellt, dass es da fast allen nur ums Geld geht. Ich konnte damit nichts mehr anfangen." Die Pfarrerin habe gar nicht wie befürchtet sauer reagiert, sondern sehr verständnisvoll

Der Weihnachts-Wunsch

Das Handy-Verbot ist nicht zeitlich befristet, aber die Mama meint auch: "Es ist nicht so, dass sie bis zum 20. Lebensjahr handyfrei bleiben soll." Denn, ganz ehrlich: Maika vermisst das Leben mit Smartphone schon ein wenig. Zu Weihnachten könnte es wieder ein Handy geben - wenn es bis dahin in der Schule besser läuft und auch die Einsicht bestehen bleibt, dass ein Leben mit weniger Netz mehr wert ist.

Maika, ein Mädchen mitten in der Pubertät, hin- und hergerissen zwischen ihren Wahrnehmungen. Sie sagt: "Ich habe Angst in mein altes Schema zu verfallen, wenn ich wieder ein Handy bekomme." Dass dem nicht mehr so wird, daran arbeitet sie - nicht nur durch die bereits jetzt besseren Noten. Und wenn es wirklich einen "Rückfall" gibt, sind immer noch die Eltern da. Das Problem muss ja nicht gleich mit dem Hammer gelöst werden ... (Angemerkt)
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