Nur zuschauen geht gar nicht

Man wird nicht mehr in jeder Gemeinde alles haben können.
Lokales
Ensdorf
10.02.2015
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Es gibt kaum ein Dorf, in dem ein Haus oder Hof, ein einstiger Handwerksbetrieb nicht leerstehen. Als bloßen Lauf der Dinge wollen das ein paar benachbarte Bürgermeister nicht hinnehmen. Sie starteten eine "Leerstandsoffensive".

(sön) Rückläufige Geburten- und Bevölkerungszahlen sind längst Realität und treffen ländliche Regionen am sichtbarsten. Das Problem der Abwanderung junger Menschen und eine daraus resultierende Überalterung stellen Regionen und Gemeinden vor dauerhafte Herausforderungen. "Auch wir müssen etwas tun, wollen wir in Zukunft nicht davon betroffen sein", stellte Gerhard Tschaffon, Vorsitzender der Heimat- und Kulturvereins, im voll besetzten Fürstensaal klar.

Der Verfall kommt

Eingeladen war Georg Köppl, ehrenamtlicher Bürgermeister von Altendorf im Nachbarlandkreis Schwandorf. Seine Gemeinde hat rund 950 Einwohner, die sich auf zwölf Orte verteilen. Köppl sprach zu dem Thema "Leerstandsoffensive" und skizzierte vor diesem Hintergrund die Herausforderungen schleichend entvölkerter Dörfer auf dem Land. Das Projekt "Leerstandsoffensive" geht auf eine Initiative der Leader-Arbeitsgemeinschaft Brückenland Bayer-Böhmen zurück und stellt eine Form der interkommunalen Zusammenarbeit dar. Ansatzpunkt sind laut Köppl in dörflichen Regionen zunehmend längerfristig leerstehende Wohn- und Gewerbeimmobilien, die ohne Nutzung "oftmals dem Verfall preisgegeben sind" und letztendlich langfristig die Aufrechterhaltung von Infrastruktur wie die Wasser- und Abwasserversorgung in Frage stellen können.

Abstriche unausweichlich

Unter der Federführung von Altendorf haben sich deshalb elf Gemeinden zusammengetan, um diesen Prozessen nicht nur zuzuschauen, sondern nach Möglichkeit offensiv zu begegnen. Ein Expertenteam aus vier jungen Akademikern unterschiedlicher Fachrichtungen habe deshalb 2011 zehn Monate in Altendorf einen ehemaligen Leerstand bezogen und dort im Sinne einer Bestandsaufnahme gearbeitet. Parallel dazu hat sich das Projekt koordinierende Büro u.m.s. für Stadtentwicklung aus Leipzig mit den Ergebnissen befasst.

Ein Resultat: "Man wird nicht mehr in jeder Gemeinde alles haben können." Der naheliegende Schluss für den Bürgermeister daraus: "Die verstärkte Zusammenarbeit der Gemeinden ist gefragt, um sinnvoll zu planen." Im Blick hat er dabei beispielsweise das gemeinsame Erschließen von möglichen öffentlichen Fördertöpfen. Zudem gelte es, sich Projektpartner mit ins Boot zu holen. Etwa, um einen möglichst direkten Kontakt zu Eigentümern leerstehender Liegenschaften herzustellen oder ein Bewusstsein für historische Bausubstanz in dörflichen Ortskernen zu schaffen.

Anregungen holen

Altbauten im Lebensmittelpunkt ländlicher Dörfer und Kleinstädte hätten neben einem gestalterischen Wert oft auch eine soziale, Identität schaffende Funktion gehabt. Etwa ehemalige Schul- und Pfarrhäuser, der einstige Dorfladen, das inzwischen geschlossene Wirtshaus oder frühere kleine Handwerksbetriebe. Vor dieser Kulisse, so Köppl, müsse großer Wert auf eine intensive Öffentlichkeitsbeteiligung vor Ort gelegt werden. Die Palette reiche von Infoabenden über Tage der offenen Tür oder Exkursionen bis hin zu Ideen- und Projektwerkstätten.

Hier biete beispielsweise auch der Fachbereich Architektur der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg fachkundige Unterstützung an. "Vieles wurde durch eine interkommunale Zusammenarbeit überhaupt erst ermöglicht", unterstrich Köppl. Denn "keine Gemeinde hätte sich ein Projekt in diesem Umfang alleine leisten können". Der Altendorfer Bürgermeister kann auch eine Art Erfolgsbilanz aufmachen.

Etappensiege

Konkret benannte er geplante Pilgerherbergen entlang des Jakobwegs, das Hutschahaus als Veranstaltungsort in Schönsee, das Schützenheim Altendorf, das Kommunbrauhaus Eslarn, den Schlossbauernhof in Altfalter, den alten Pfarrhof Niedermurach und das Projekt Dorfladen in Altendorf (alles im Landkreis Schwandorf). "Da gibt es alles. Und was der Dorfladen nicht hat, das braucht man auch nicht." Köppl machte auch noch nötige Tätigkeitsfelder aus. Betreutes Wohnen in kleinen Einheiten etwa, "denn das Problem haben wird in allen Kommunen". Auch die künftige Struktur der ländlichen Schullandschaft müsse in diesem Licht betrachtet werden. Angesichts der von Köppl skizzierten Lage schätzte sich sein Ensdorfer Bürgermeisterkollege Markus Dollacker im Augenblick noch eher glücklich. "Einen Leerstand, den wir befürchten müssten, haben wird nicht." Mit der Ansiedlung eines Supermarkts werde auch das Problem der Nahversorgung gelöst und eine verstärkte interkommunale Zusammenarbeit zeichne sich auf der Ebene der Naturpark-Hirschwald-Gemeinden ab.

Etwas anders sieht es Seniorenbeauftragter und SPD-Gemeinderat Herbert Scharl. Er verwies darauf, dass oft viele Alleinstehende in großen Häusern wohnten, "die sie nicht bewirtschaften können". Zudem würden entlang der Ortsdurchfahrt notwendiger Parkraum und angemessene Gehwege fehlen, ebenso Plätze, an denen man sich treffen und aufhalten kann".
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