Wer als Erwachsener eine neue Sprache gelernt hat, weiß, wie schwer das ist. Man stelle sich aber vor: Die Grammatik ist nur in dieser Sprache erklärt und die Vokabeln muss man sich auch selbst beibringen.
"Wörterbuch wie einen Roman lesen"

Wenn der Stoff schwierig ist, haben die Jugendlichen Probleme, sich lange zu konzentrieren. Alex Vinogradov verordnet regelmäßig Ruhepausen, damit sich die Schüler erholen können und wieder aufnahmefähig sind. Bild: lev
Lokales
Ensdorf
25.11.2014
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In dieser Lage befinden sich viele Flüchtlinge. Drei Jahre lang war die Situation auch an der Mittelschule Ensdorf ähnlich. Alois Hofmann, Pfarrer im Ruhestand, kam regelmäßig in den Unterricht, um den Kindern von Asylbewerbern ehrenamtlich die deutsche Sprache zu vermitteln. Seit Anfang des Schuljahres sind sechs junge Ukrainer an der Schule. Am Anfang sprachen sie kein Wort Deutsch. Also begab sich das Sozialamt auf die Suche nach jemandem, der fließend Russisch spricht.

Arzt aus Weißrussland hilft

Zu dieser Zeit hatte Kinderarzt Alex Vinogradov, der erst vor Kurzem aus Weißrussland nach Ensdorf gekommen war, selbst mit den Schwierigkeiten der neuen Sprache zu kämpfen. Nach einem vierwöchigen Intensivkurs erklärte sich Vinogradov bereit, ehrenamtlich in die Lehrerrolle für die Jugendlichen zu schlüpfen. "Wir haben einen Monat jeden Tag fünf Stunden lang Grammatik gemacht", erzählt der frischgebackene Pädagoge und ergänzt: "Ich unterrichte nach dem Universitätssystem. In der gegebenen Zeit mache ich möglichst viel Stoff." Ihm sei aber auch bewusst, dass er Schüler vor sich hat und eine solche Vorgehensweise für sie schwierig ist. "Sie tun mir leid. Aber sie sind jung und saugen das Neue wie ein Schwamm auf - das muss man nutzen."

Im ersten Monat gab Alex Vinogradov sein ganzes Sprachwissen an die Jugendlichen weiter, dann begann die schwierigere Phase: "Jetzt muss ich zuerst selbst den neuen Stoff erarbeiten und dann an die Kinder weitergeben." Der Mediziner vermittelt seinen Schützlingen nicht nur das grammatische Wissen, sondern auch die Lernstrategien: "Ich sage immer, man soll das Wörterbuch wie einen Roman lesen. An der beliebigen Seite aufschlagen und lesen." Der Weißrusse betont, dass die Sprache der Schlüssel zur sozialen Integration ist: "Das Problem ist, dass sie Angst vor dem Sprechen haben." Das bestätigen die Jugendlichen: "Ich verstehe mehr als vorher, aber mich im Unterricht zu melden, das traue ich mich nicht", erzählt Jurij, der mit seiner Familie vor drei Monaten nach Deutschland kam und jetzt in Ensdorf eine achte Klasse besucht.

Schon Freunde gefunden

Auch Anna sagt, dass ihr Verständnis deutlich besser geworden ist. Vor allem, wenn Mitschüler etwas langsamer reden, kommt sie gut mit. Die Achtklässlerin hat schon viele Kontakte geknüpft und erzählt begeistert, wie sie mit einer Freundin und ihrem Hund spazieren war.

Die größten Schwierigkeiten bereiten den Jugendlichen Zwielaute wie "ei", "au", "äu" und "eu" beim Lesen. Auch Alex Vinogradov selbst schreitet im Lernprozess voran: "Das Schwierigste ist, den Satz richtig zu konstruieren - im Russischen ist die Wortreihenfolge frei." Die Erfolge wären aber ohne die Unterstützung von Rektorin Helga Gradl, die Vinogradov ermuntert, immer weiterzumachen, und dem ganzen Lehrerkollegium undenkbar: "Wir sind hier sehr herzlich aufgenommen worden, es herrscht eine häusliche Atmosphäre." In der Anfangsphase unterstützte ihn auch Pfarrer Hofmann sehr. Alex Vinogradov schaut zuversichtlich in die Zukunft. Über seine Schützlinge sagt er: "Das können sie schon. Das werden sie packen."
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