Kein Kompromiss beim Wind

Im Hessenreuther Wald liegt der Ursprung des Vereins für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern. Inzwischen mischen sich die Umweltschützer bayernweit ein. Archivbild: nt/az
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Erbendorf
26.08.2015
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Johannes Bradtka liebt die Natur, viel gesehen hat er von ihr die vergangenen Wochen aber nicht. Seine Freizeit verbringt der VLAB-Vorsitzende seit der Anerkennung des Vereins vor dem PC. "Es wachsen eben nicht nur die Rechte, sondern auch die Pflichten", sagt Bradtka dazu. Bild: wüw

Bayerns jüngste "anerkannte Umweltschutzvereinigung" sitzt in Erbendorf. Rechtlich steht der Verein für Landschaftspflege und Artenschutz auf einer Stufe mit dem Bund für Umwelt- und Naturschutz. Besonders bei einem Thema hat der neue Verein vor, dem Platzhirschen auf die Nerven zu gehen.

(wüw) Eine Menge Anfeindungen, noch mehr Arbeit - und Johannes Bradtka ist trotzdem glücklich. Seit Ende Juli ist er Vorsitzender einer in Bayern "anerkannten Umwelt- und Naturschutzvereinigung". Sein Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB) ist der elfte, dem das Landesamt für Umwelt (LfU) den Status zubilligte, der einzige aus der Oberpfalz.

Am 28. Juli lag die Bestätigung im Briefkasten, seither hat der 58-Jährige Hunderte Mails beantwortet, das Telefon klingelt Sturm. Bayernweit war der Verein in den Medien vertreten, noch immer kommen Presseanfragen. "Für ein Glas Sekt blieb bisher keine Zeit", sagt Bradtka. Allerdings sind nicht alle Reaktionen Gründe, sich zu freuen. Glückwünsche und Anfragen überwiegen, sagt der studierte Forstwirt. Aber es kommen auch Beschimpfungen und Beleidigungen. "Ein ehemaliger Landtagskandidat der Grünen aus Niedersachsen stalkt mich regelrecht."

Unterstützern wie Gegnern geht es um den Umweltschutz. Was sie spaltet ist die Energiewende: Auf der einen Seite stehen Bund Naturschutz (BUND) und alle, die bedingungslos für Windkraft und Solarstrom eintreten. Auf der anderen Seite sammeln sich jene, denen diese Energieformen zu große Opfer bei Landschaft und Tierwelt fordern, für die Windräder nicht die Lösung der Energiefrage, sondern eine Gefahr für die Natur sind. Hier steht der VLAB.

Hinkender Vergleich

Der VLAB wird bislang auch nur als Gegenentwurf zum BUND wahrgenommen. Glücklich ist Bradtka mit dieser Rolle nicht. Es gefällt ihm nicht, wenn der VLAB nur negativ über eine andere Organisation definiert wird. Außerdem hinke der Vergleich: "Wir können uns nicht mit einem Verein vergleichen, dessen Strukturen 100 Jahre gewachsen sind und der alleine in Bayern mehr als 200 000 Mitglieder hat." Beim VLAB sind 8700 Mitglieder organisiert, die meisten über 52 Mitglieds-Vereine, Einzelmitglieder sind es rund 1000.

Aber Bradtka leugnet auch nicht, dass es den VLAB ohne die Politik des BUND nicht geben würde. Er selbst sei vor etwa zwei Jahren ausgetreten. Mit Enoch zu Guttenberg und Hubert Weinzierl hat der VLAB zwei Mitglieder, die aus dem bayerischen Bund Naturschutz den deutschlandweit agierenden BUND machten. Beide gehören heute zu dessen heftigsten Kritikern. Auf lokaler Ebene leiste der BUND gute Arbeit, sagt Bradtka. "Mit den Mitgliedern vor Ort läuft die Zusammenarbeit gut." Anders fällt das Urteil zur Verbandsspitze aus: BUND-Vorsitzender Hubert Weiger und Bayerns Landesbeauftragter Richard Mergner legten sich zu einseitig auf die Windenergie fest, hätten sich von deren Industrie abhängig gemacht. Für den VLAB heißt Einsatz für Landschaft und Artenschutz vor allem Einsatz gegen Windenergie. "Windkraftanlagen bedrohen Bayerns Kulturlandschaften", davon ist Bradtka überzeugt. Dazu komme die Gefahr für Schwarzstorch, Rotmilan und andere Vögel.

Nicht gegen die Wirtschaft

So kompromisslos tritt Bradtka sonst nicht auf. "Im Grunde bin ich Pragmatiker. Ohne Kompromisse geht es im Umweltschutz nicht." Er habe gelernt, dass Naturschutz gegen Wirtschaftsinteressen nicht funktioniert. "Menschen brauchen Arbeitsplätze." Ein Blick nach Afrika zeige: Die größten Umweltverbrechen geschehen, wo die Wirtschaft nicht funktioniert. Wenn der BUND in Weiden gegen das neue Industriegebiet West Sturm läuft, sieht Bradtka den Fall differenzierter: "Natürlich ist es schade um jeden Baum, der fällt." Aber wertvoll seien die Fichten- und Kiefernmonokulturen am Brandweiher nicht. "Vielleicht lässt sich ein Kompromiss bei der Größe der Fläche finden."

Das Nein zur Windkraft sei kein Widerspruch zu diesem Pragmatismus. Die Windenergie schade der Natur, ohne der Wirtschaft zu helfen: Bradtka verweist auf eine Reihe Fakten, die die VLAB-Experten zusammengetragen haben. Der Anteil der Windenergie am Stromverbrauch bleibe gering, obwohl inzwischen 25 000 Anlagen in Deutschland arbeiten. "Sie erzeugen nur Strom, wenn der Wind bläst, nicht wenn der Strom gebraucht wird." Deshalb steige parallel zur Zahl der Windräder auch der Co2-Ausstoß. "Weil immer Kohlekraftwerke arbeiten müssen, um die Grundlast abzusichern." Bezahlbare Speicher für den Windstrom seien noch lange nicht in Sicht.

Lobby nutzt die Angst aus

Auf einen Verein der Windkraftverhinderer lasse sich der VLAB nicht reduzieren. "Wären wir das, hätte uns das LfU nie anerkannt." Auch er stehe für die Energiewende, aber für eine mit tragfähigem Konzept. Dabei müsse Wasserkraft, Restholz und Stromsparen eine größere Rolle spielen. Hier und bei der kalten Kernfusion wäre Forschungsgeld besser angelegt, das jetzt in Wind- und Solarstrom fließt. Dank ihrer Lobby habe es die Windkraftindustrie geschafft, aus der Angst nach Fukushima Kapital zu schlagen. Für Bradtka war kopfloser Aktionismus, statt sinnvolle Energiewende die Folge. "Man hat begonnen, das Dach zu bauen, statt sich zuerst ums Fundament zu kümmern." Für ein Industrieland wie Deutschland erfordere eine Energiewende eine fundierte Analyse und Planung. Bradtka hätte dafür sogar akzeptiert, dass moderne Atomkraftwerke einige Jahre länger laufen. "Wenn dafür nur die Energiewende Hand und Fuß hätte." (Eine etwas andere Position dazu auf Seite 19, "Biobatterie aus der Oberpfalz)

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.landschaft-artenschutz.de
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