Flüchtlingsunterkünfte: Landrat Lippert und AWO-Chefin Würner sehen gute und schlechte Seiten
Zwischen Logistik und Mitgefühl

So kann es nicht weitergehen.
Lokales
Erbendorf
24.11.2015
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"Was die Ehrenamtlichen für die Flüchtlinge im Landkreis leisten, ist hervorragend." Das betonte Landrat Wolfgang Lippert bei der Herbstvollversammlung des Kreisjugendrings in der Stadthalle. "Es kann aber nicht so weitergehen, wir brauchen hauptamtliche Kräfte."

Ziel nicht Deutschland

"Eine große Sorge bereitet mir die Situation bei der Notfallunterkunft", gab er zu. "Es begann Mitte des Jahres, als es hieß, dass jeder Landkreis eine Notfallunterkunft zu stellen habe." Zuerst wurde hierfür Platz in der Turnhalle des Stiftlandgymnasiums in Tirschenreuth gemacht, nach den Ferien wurde die Unterkunft in die Dreifachturnhalle nach Wiesau verlegt. "Täglich kommen seither Busse aus den Erstaufnahmelagern bei uns an", klagte Lippert. Dabei komme es vor, dass an einem Abend knapp 100 Menschen eintreffen, am nächsten Morgen seien nur noch sieben da. "Sie sind mit ihren bereits gekauften Fahrkarten vom Bahnhof aus weitergefahren, dorthin, wo sie Verwandte oder Freunde haben, nach Frankfurt, ins Ruhrgebiet oder nach Hamburg", wusste der Landrat.

Hauptamtliche sind nötig

"Meine Sorge ist es, dass wir den Schülern den Sport nehmen und auch viele Veranstaltungen, die in der Halle stattfinden", führte er weiter aus. "Heute kann ich Ihnen noch nicht sagen, wie lange die Belegung andauern wird." Der Landkreis sei "verzweifelt am Suchen" nach einer anderweitigen Notfallunterkunft. "Und das beunruhigt mich." Ein Lichtblick für den Landrat in dieser Situation seien die ehrenamtlichen Helfer. "Sie geben der Notfallunterkunft ein menschliches Gesicht." Seiner Meinung seien auf längere Sicht aber auch hauptamtliche Kräfte notwendig. "Denn so kann es nicht weitergehen."

Vor Ort sei es eine aufregende und spannende Arbeit, berichtete AWO-Geschäftsführerin Angelika Würner. Sie stellte fest, dass aus den Bussen "traumatisierte Menschen" steigen. "Es wollen gar nicht alle nach Deutschland", bestätigte sie. Die meisten haben bereits bezahlte Zugtickets in ihren Taschen. "Viele werden einfach aus den Zügen gerissen, in Erstaufnahmelager und dann in Notfallunterkünfte gebracht."

"Wer muss hungern?"

"Manche kommen ohne Schuhe, Frauen haben ihre Männer verloren oder tragen noch ihr totes Baby im Mutterleib." Gegner von Flüchtlingen oder Asylsuchenden bietet die Geschäftsführerin lautstark Paroli. "Da sag ich immer: ,Freunde, wer von euch muss hungern, hat kein Dach über dem Kopf und wessen Leben ist bedroht?'" Der vielfachen Meinung, die Flüchtlinge bekämen alles, entgegnete sie, dass sie in der Notunterkunft sieben Quadratmeter Lebensraum hätten. "Geld haben sie nicht", so Würner. "Aber ihnen steht ein Taschengeld von 143 Euro zu, von dem sie ihre Handykarten, Hygieneartikel und vielleicht auch Zigaretten kaufen."

Angriffe aus Bevölkerung

Dem Vorurteil, dass die Menschen in der Unterkunft reichlich mit Essen versorgt werden, entgegnete sie, dass es teilweise nur Päckchentoast gebe. "Ich werde oft aus der Bevölkerung angegriffen", bestätige Würner. Genug habe sie von den langen Diskussionen. "Denn die Lage wird immer schlimmer." Bei ihrer Tätigkeit denke Würner oft an die Weihnachtsgeschichte. "Maria und Josef hatten eine weite Reise hinter sich und suchten nach einer Herberge. Aber keiner machte ihnen die Tür auf." Heute sei es bei den Flüchtlingen genauso. "Aus Angst werden keine Türen geöffnet", bedauerte die Geschäftsführerin. "Wir sind aber bestrebt, allen zu helfen."
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