Frage nach Leben oder Tod

Lokales
Erbendorf
17.10.2015
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Die Schicksale syrischer Flüchtlinge kennen die meisten Menschen nur vom Bildschirm. Sobhi Mahmoud (38) und Sami Swidan (29) informierten drei Klassen der Mittelschule aus erster Hand von ihrer Odyssee.

Sobhi Mahmoud ist seit gut eineinhalb Monaten mit seiner Ehefrau und seinen beiden Kindern in Wiesau. Vor der Flucht war er in Daraa City als Englischlehrer beheimatet. Sami Swidan war Sozialarbeiter in der Stadt Hama. Mahmoud erzählte seine Geschichte in fließendem, für die Schüler verständlichem Englisch: "Bevor der Krieg kam, hatten wir ein schönes Land mit einer langen Tradition. Heute ist vieles zerstört. Zerstörte Häuser, zerstörte Schulen, und die Bevölkerung muss um ihr Leben fürchten."

"Seit der Krieg in Syrien herrscht, haben die Kinder keine Schule mehr", führte er weiter aus. Der Krieg zwinge die Syrer dazu, ihr Land zu verlassen. "Mein Beweggrund zur Flucht nach Deutschland ist, dass meine Kinder eine gute Zukunft haben." Ein Kind ist neun Jahre, das andere zweieinhalb. Beim ersten Versuch seien die Flüchtlinge mit Mahmoud und seiner Familie von der türkischen Polizei zurückgeschickt worden. "Für uns stellte sich die Frage: Tod oder Leben?", so der Syrer. Im zweiten Versuch ging es bis ins türkische Izmir und dann über das Meer. "Das war ein großer Schritt für uns, aber die Schifffahrt war eine Katastrophe." Mahmoud beschrieb, wie bis zu 40 Menschen in einem alten kleinen Plastik- oder Gummiboot ins Mittelmeer stachen. "Die Boote waren viel zu klein und ohne Wasser für die mehrstündige Überfahrt", berichtete er. "Deshalb war es für uns ein großer Moment, als wir an der griechischen Küste gelandet sind." Kentern oder noch kilometerweit schwimmen, diesem Schicksal vieler anderer waren sie, "Allah sei Dank", entgangen.

In Griechenland stand ihnen ein zweistündiger Marsch über Berge bevor, bis sie von den Helfern des Roten Kreuzes in Empfang genommen und versorgt wurden. Anschließend ging es nach Athen. Schreckliche Stunden erlebte Mahmoud, als einer seiner Söhne auf der Straße von einem Auto angefahren wurde. So musste die Familie gut eine Woche wegen des Krankenhausaufenthalts in Athen bleiben.

"Mit dem Bus ging es dann nach Mazedonien", erzählte er den Schülern weiter. Gut vier Stunden musste der Flüchtlingstreck dort über die Grenze nach Serbien laufen. "Für eine Einzelperson wäre das kein Problem, aber mit einem Kind an der Hand und einem auf den Rücken sieht das anders aus."

Nicht gut zu sprechen sind Mahmoud und sein Landsmann Swidan auf Ungarn. "Erst ging es bis zur ungarischen Grenze und dann acht Stunden zu Fuß weiter. Wieder ohne Wasser und Lebensmittel. "Um drei Uhr früh stellten wir uns der ungarischen Polizei", so Mahmoud. Doch an Essen und Getränke war nicht zu denken. "Das war ein wirklicher Schock in einem EU-Land." Erst, als die ungarische Armee sie in ein Camp steckte, gab es etwas zu Essen. "Das war allerdings drei Tage lang nur Brot." Sie seien aber trotzdem glücklich gewesen, mit der Familie gesund dort angekommen zu sein. Im Gegensatz zu Ungarn waren die Österreicher nach seinen Worten sehr hilfsbereit. Mit dem Zug ging es von Wien nach Bayern. "Die bayerische Polizei war sehr freundlich, die Beamten reichten uns Essen und Getränke." Hier in Bayern fühlten sich Mahmoud und Swidan gut aufgenommen.

"Unser erstes Ziel für mich und meine Familie war Deutschland. Das haben wir auch erreicht." Gut eineinhalb Monate dauerte die Flucht von Vorderen Orient bis zur Mitte Europas. Seit einem Monat lebt Mahmoud nun in Wiesau. "Ich liebe es, hier in dieser Gegend zu sein." Langweilig ist es den beiden syrischen Männern nicht. Denn sie engagieren sich als Übersetzer für andere ankommende Flüchtlinge und helfen bei Formalitäten. Im Anschluss an ihre Ausführungen beantworteten die beiden noch zahlreiche Fragen der Schüler. Und für die war diese Begegnung ein Erlebnis, das zum Nachdenken anregt. Den Kontakt hergestellt hat Lehrerin Angelika Müller, die sich in Wiesau ehrenamtlich engagiert.
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