Gefangene retten den Bürgermeister

Blick vom Kaiserberg zum Steinwald. Diese Aufnahme machte der Luftwaffen-Offizier Heinz Auelmann aus Solingen im August 1944. Acht Monate später zogen die US-Soldaten in Erbendorf ein. Repro: njn
Lokales
Erbendorf
20.04.2015
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"20. April, Führers Geburtstag! Heute denkt niemand an den Mann, der sich in seinem Berliner Bunker verkrochen hat." Mit diesen Worten beschrieb der Lehrer und Ehrenbürger Wilhelm Gollwitzer in seiner "Geschichte der Stadt Erbendorf" den Einmarsch der US-Armee.

(njn) Am 15. April 1945 besetzte die 11. Amerikanische Panzerdivision Bayreuth, am 20. April Kemnath und noch am gleichen Tag Erbendorf. Die amerikanischen Panzer rollten aus Richtung Grötschenreuth und über die Wetzldorfer Felder Richtung Stadt. Bevor sie einrückten, gaben sie drei Warnschüsse ab. Dabei fiel ein Geschoss in den Tauchersbach und ein anderes in das sogenannte " Mostsepplhaus" in der Spitalgasse.

Vor der Einnahme der Stadt war die Lage äußerst angespannt. Sie beruhigte sich, als Pfarrer Josef Hofmann weiße Fahnen aus dem Pfarrhaus in der Pfarrgasse aushängen ließ. Auch aus dem Rathaus wurde ein weißes Tuch an einer Stange herausgehängt. Jedes Haus in der Stadt folgte. Als Parlamentäre kamen vier US-Soldaten ins Rathaus, um über die Übergabe der Stadt zu verhandeln. Dort warteten bereits die Stadträte Anton Weber und Hans Hösl sowie Bürgermeister Heinrich Tretter. Erst danach zogen gegen 16.30 Uhr die US-Panzer und Soldaten über die Naabbrücke und Bahnhofstraße hinauf über den Kaiserberg zum Marktplatz.

Serben und Franzosen

US-Soldaten führten Bürgermeister Tretter ab mit der Absicht, ihn vor der Drogerie König zu erschießen. Serbische und französische Kriegsgefangene stellten sie sich schützend vor Tretter. Gut eine Viertelstunde sprach ein Franzose mit dem US-Kommandanten. der Bürgermeister entging dem Tode und blieb bis zum 6. Juni 1945 im Amt, wo er die Befehle der Besatzungsmacht auszuführen hatte.

Die amerikanischen Soldaten schlugen im Rathaus ihr Hauptquartier auf. Nach der Übergabe meldeten sich Gendarmeriemeister Josef Weiß sowie die Polizeireservisten Hans Kleier und Georg Schaffer zum Dienst. Sie erhielten weiße Armbinden mit der Aufschrift "Police."

In den ersten Stunden und Tagen nahmen die US-Soldaten manches Haus unter die Lupe, drangen auch mit Gewalt ein, wenn es verschlossen war. Die Einwohner hatten sämtliche Fotoapparate, Ferngläser sowie Waffen und Gewehre abzuliefern. Auf dem im Innenhof des Rathauses und auf dem Marktplatz schlugen die Amerikaner gleich die Kolben ab und verbogen die Läufe, so dass diese nicht mehr zu gebrauchen waren.

Auf Anordnung der amerikanischen Truppen wurde von der Gendarmerie eine Wachmannschaft aufgestellt, der teilweise bis zu 30 Männer angehörten. Aufgabe war es unter anderem, die Ausgangssperre für die Zivilbevölkerung zu überwachen. Denn anfänglich war die Ausgangszeit von 9 bis 11 Uhr und von 16 bis 18 Uhr. Wurden außerhalb dieser Zeit Personen aufgegriffen, kamen sie über Nacht in den sogenannten Ortsarrest und wurden am nächsten Tag wieder nach Hause geschickt.

Widerstand erstickt

Tage vor der Befreiung durch die Amerikaner waren noch Führer treue Einheiten im Gebiet um Erbendorf. Gauleiter Wächtler aus Bayreuth kam am 12. April 1945 durch Erbendorf und bemängelte die fehlenden Panzersperren. Er drohte dem Volkssturm strengste Strafen an. Da vermutet wurde, die Amerikaner kommen über die Reichsstraße 22, wurden entsprechend an den Ortsausgängen Panzersperren errichtet. Doch Bürgermeister Heinrich Tretter setzte durch, dass diese wieder beiseite geräumt werden. Im Gebäude der heutigen Altenpflegeschule in der Bräugasse quartierte sich wenige Wochen vor Kriegsende das Reichskartenhauptamt aus Berlin ein.

Die Soldaten setzten sich unmittelbar vor dem Eintreffen der Amerikaner nach Süden ab und ließen zum Teil unbrauchbares Kartenmaterial aus besetzten Gebieten zurück. Sowohl bei der Gendarmeriestation als auch im Rathaus wurden die meisten Unterlagen, vor allem Führerbilder und andere NS-Größen, in den jeweiligen Innenhöfen verbrannt. Verantwortliche entledigten sich auch ihrer Parteiabzeichen.

Tote bei Besetzung

Zwischen Erbendorf und Thann fiel am 20. April 1945 Leutnant Ernst Wehland aus Hohenfurt, als er nach einem Fahrzeugschaden vor den vorrückenden US-Panzern in einen Wald flüchten wollte. An ihn erinnert eine Gedenktafel. Als sie sich von ihrem Wachdienst beim Munitions- und Waffendepot im Steinbruch an der Straße Richtung Grötschenreuth über die Fichtelnaab auf das Betriebsgelände der Porzellanfabrik Seltmann zurückziehen wollten, wurden der Obergefreite Stefan Gsöllpointner aus Admont in der Steiermark und Stabsgefreiter Kurt Schirrmeister aus Leipzig getötet.

Die französischen Kriegsgefangenen Marius Paris aus Marsailles und Pierre Bidaud aus Paris erlitten einen tragischen Tod, als sie an der Fichtelnaab den einrückenden Amerikanern entgegenlaufen wollten. Sie wurden versehentlich von ihren Befreiern erschossen.
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