Hessenreuther Wald
Windräder im Wartestand

Blick von der Schweißloh aus über Erbendorf nach Westen: Am oberen linken Bildrand ist der 50 Meter hohe Sendemast im "Silberschlag" zu sehen. Hier soll ein Windpark entstehen mit 230 Meter hohen Anlagen.
Politik
Erbendorf
16.05.2016
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Ihren Hut in den Windkraft-Ring warfen (von links) Bernhard Schmidt von der Bürgergenossenschaft Neue Energien West eG sowie Richard Mark Leighton-Myles, Albert Nikol, Mariella Schubert und Birgit Grünbauer von der Natural Energie Solutions GmbH mit Sitz in Schadenreuth. Bilder: njn (4)
 
Die Energiewende ist schon allein aus ökonomischen Gründen nicht mehr aufzuhalten.

Als würde sich alles zusammenfügen: Das neue Vier-Sterne-Hotel in Erbendorf ist architektonisch einem Kreuzfahrtschiff nachempfunden. Und nun steht auch noch fest, "dass wir hier küstenähnliche Verhältnisse haben". Zumindest im Waldgebiet "Silberschlag", das bald Heimathafen für sieben 230 Meter hohe Windräder werden soll.

Von Manfred Hartung

Erbendorf/Pressath. Gut 150 Erbendorfer und Bewohner umliegender Orte waren am Donnerstagabend in die Stadthalle gekommen, um die Erkenntnisse und Prognosen der Firma "Natural Energy Solutions" GmbH (Nes) mit Sitz in Schadenreuth zu hören, die drei Jahre lang auf dem 680 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Areal im Hessenreuther Wald geforscht hat, ob der Wind genügend Kraft entfaltet, um Rotoren von 130 Metern Durchmesser zur Stromerzeugung anzutreiben. Die gelernte Landwirtin Brigitte Grünbauer und ihre Mitstreiter sind sicher, dass es klappt und wollen im Sommer den Genehmigungsantrag beim Landratsamt einreichen.

Den Optimismus der Planer hat allerdings der Bayerische Verwaltungsgerichtshof mit seiner Bestätigung der 10H-Regelung vor einer Woche etwas gebremst, denn es gibt im Umkreis von 2,3 Kilometern die eine oder andere Bebauung, sowohl auf Erbendorfer Gebiet, als auch in Nachbarkommunen (Hintergrund ). "10H muss grundsätzlich eingehalten werden", konstatiert "Nes"-Mitarbeiterin Mariella Schubert, "es sei denn, eine Bauleitplanung existiert".

Und was ist mit den angrenzenden Gemeinden? Mit denen soll Einvernehmen hergestellt werden. Soll oder muss? Nichts Genaues weiß man nicht. Die Leute von der "Natural Energy Solutions" wollen es auf alle Fälle versuchen. Vieles wird von den Bewertungen des Landratsamts abhängen. Laut "Nes" wurden in den vergangenen drei Jahren Windgeschwindigkeiten zwischen 7 und 32 Metern pro Sekunde gemessen, was einer Spanne von 25 bis 117 Stundenkilometern entspricht. Zur Einordnung: Ab 25 Metern pro Sekunde beziehungsweise 90 km/h würde ein Sicherungsmechanismus die Anlage abschalten.

"Beeinflusster Wind"


Der Grenzbereich zur Wirtschaftlichkeit ist nach Überzeugung der Planer überschritten. Sie machen sich vorläufig mit sieben Windrädern der 3,3- bis 3,5- Megawatt-Klasse auf den Verwaltungsweg. Die Ausmaße: Gesamthöhe 230 Meter, Nabenhöhe 165 Meter, Rotordurchmesser 130 Meter, Blatt-Unterkante bei 100 Metern. Kleiner geht's nicht, weil darunter der Wald für Turbulenzen, sprich einen "beeinflussten" und damit für die Energieerzeugung eher unbrauchbaren Wind sorgt.

Fundament vier Meter


Albert Nikol und Mariella Schubert lobten in der Versammlung die logistischen Voraussetzungen am vorgesehenen Standort. Gut ausgebaute Forstwege erleichterten die Erschließung, jeder Turm würde mit einem speziellen Kran in Einzelmodulen hochgezogen, das Betonfundament reiche nur vier Meter in den Boden. Der Flächenverbrauch halte sich in Grenzen.

Läuft alles nach den Vorstellungen der potenziellen Betreiber, könnte das Genehmigungsverfahren Ende des Jahres bewältigt sein und Anfang 2017 der Spatenstich erfolgen. Ende 2017 könnte der erste Strom über unterirdische Kabel ins Netz fließen. Naturschutz- und emissionsrechtliche Belange seien intensiv geprüft, Gelder für einen eventuellen Rückbau stünden bereit.

Die Energiewende ist schon allein aus ökonomischen Gründen nicht mehr aufzuhalten.Raimund Kamm vom Bundesverband Windenergie


"Wir wollen die Bürger an unserem Erfolg teilhaben lassen", versprechen die Schadenreuther. Anfallende Gewerbesteuer würde in den Erbendorfer Stadtsäckel wandern. Es solle ein "Bürgerwindpark" werden, der unter keinen Umständen an externe Interessenten verkauft werde. Als Investor steht die regionale Energiegenossenschaft NEWeG bereit.

Vorstand Helmuth Wächter, der ehemalige Bürgermeister von Grafenwöhr, rührte an diesem Abend persönlich die Werbetrommel, ebenso Geschäftsführer Bernhard Schmidt. Raimund Kamm vom Bundesverband Windenergie bat die Zuhörer, ihre Bundestagsabgeordneten ins Gebet zu nehmen, damit das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) inhaltlich im Sinne der Bürger ausgestaltet werde.

Weitere Informationen:
NES GmbH & Co. KG in Erbendorf
Neue Energien West e.G.

Hintergrund10H-Regelung heißt die Bestimmung in der Bayerischen Landesbauordnung, wonach Windkraftanlagen einen "Mindestabstand vom Zehnfachen ihrer Höhe zu Wohngebäuden in Gebieten mit Bebauungsplänen und innerhalb im Zusammenhang bebauter Ortsteile" einhalten müssen. Die Kommunen können in ihrer Bauleitplanung Ausnahmen bestimmen. Im "Einzugsbereich" der in Erbendorf geplanten Windräder liegen Albenreuth (Abstand etwa 1,2 Kilometer), Guttenberg (2,5), Aschenhof (1,5), Hessenreuth (2,0), Eppenhof (2,0), Erbendorf Wohngebiet Schloßzelch (3) sowie Erbendorf Ortsteil Straßenschacht (2,5). (man)

Wald vor lauter Bäume

Ein Kommentar von Manfred Hartung

Bei der Erzeugung von Strom spielten bisher Uran, Kohle, Gas, Wasser, Sonne und Wind mehr oder weniger maßgebliche Rollen. Nach Fukushima war plötzlich das Zauberwort von der Energiewende in aller Munde. Auf regenerative Energien zu setzen, war auf einmal politischer Konsens, und auch Volkes Stimme redete immer seltener der Atomkraft das Wort. Gesteigertes Umweltbewusstsein ließ auch das Ansehen der Kohle als Zutat im Energie-Mix sinken. Selbst wenn die Regierung seit geraumer Zeit aus Angst vor der eigenen Courage und unter eigennützigen externen Einflüssen mit angezogener Handbremse agiert, ist der alternative Weg wohl nicht mehr aufzuhalten.

Windräder vor der Haustüre sind grundsätzlich einem weit entfernten Kernkraftwerk vorzuziehen. Spätestens beim Rückbau liegen die Vorteile auf der Hand. Während die Türme und Rotoren einfach abgerissen und zerlegt werden können, werden radioaktive Hinterlassenschaften die Menschheit auf unübersehbare Zeit begleiten.

Also her mit den Rotoren in die nördliche Oberpfalz, wenn die Messergebnisse passen? Nicht unbedingt. Es gibt zahlreiche geeignete Standorte. Und es ist seit vielen Jahrzehnten kein Problem mehr, Strom über größere Strecken zu transportieren. Bei aller Seriosität und gutem Willen von Planern und Investoren: Der Hessenreuther Wald könnte auch bleiben, was er ist: ein schönes Stück Natur, in dem nur die Bäume in den Himmel ragen.

manfred.hartung@derneuetag.de

Nochmal nach Hessenreuth?"Traumrenditen sind inzwischen nicht mehr zu erzielen, aber vernünftige Renditen", versicherte Albert Nikol auf eine entsprechende Frage aus dem Publikum. Den Einwand zu den gesetzlichen Unwägbarkeiten kommentierte Richard Mark Leighton-Myles : "Die politische Unsicherheit ist gewollt, denn Windenergie soll nicht in Bürgerhand sein." Ludwig Arnold , Ortssprecher von Hessenreuth, sagte: "Ich hätte kein Problem mit den Windrädern." Allerdings habe sich die Mehrheit der Hessenreuther bereits dagegen ausgesprochen und der Pressather Stadtrat daraufhin seine Ablehnung formuliert. "Vielleicht sollte man diese Info-Veranstaltung nochmal in Hessenreuth halten", schlug Arnold vor.
1 Kommentar
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Siegfried Wieder aus Erbendorf | 18.05.2016 | 11:19  
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