Mit anderen Augen
Inklusion im Landkreis stärken

Ein Thema, das bewegt: Das Netzwerk Inklusion füllte mit einer interessanten Veranstaltung die Stadthalle in Erbendorf. Bilder: njn (4)
Politik
Erbendorf
14.06.2016
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Karl Haberkorn (rechts) als Vorsitzender der Lebenshilfe, Geschäftsführer Berhold Kellner (Zweiter von rechts) sowie Bürgermeister Hans Donk freuten sich über den Besuch von Ministerin Emilia Müller (Zweite von links) in der Steinwaldstadt.

"Gemeinsam mehr (er)leben!" Unter diesem Motto stellt das Netzwerk Inklusion im Landkreis Tirschenreuth seine Arbeit. Menschen mit Behinderung sollen mehr Teilhabe und Lebensqualität im ländlichen Raum haben. In der Erbendorfer Stadthalle präsentierte das Netzwerk jetzt aktuelle Themen aus dem Projekt.

Zahlreich kamen die Vertreter der Vereine und Organisationen, die zum Netzwerk Inklusion im Landkreis gehören, in den großen Saal der Stadthalle. Über den zahlreichen Besuch freuten sich der ehemalige Landrat Karl Haberkorn sowie Projektleiterin Christina Ponader und Ulrich Macht von der Arbeitsgemeinschaft Mitwirkung.

Stellvertretender Landrat Dr. Alfred Scheidler stellte fest, dass der Begriff Inklusion sich nicht nur auf Menschen mit Behinderung beschränke, sondern weiter hinausgehe. "Heute werden Menschen ausgegrenzt." Mit diesem Satz ging er auf den "durchgeknallten AfD-Stellvertreter" ein, der den Fußballspieler Jerome Boateng nicht als Nachbar haben möchte. Im Landkreis sei das Mitterteicher Inklusions-Projekt ein Musterbeispiel und nehme eine Vorreiterrolle ein. "Gemeinsam sind wir stark und darauf können wir stolz sein", so Scheidler.

Heute in aller Munde


Dass das Thema Inklusion im Landkreis Tirschenreuth Fuß gefasst hat, darüber freute sich besonders Bürgermeister Hans Donko. "Vor 25 oder 30 Jahren war das Thema absolut nicht in den Köpfen." Umso mehr sei es heute in aller Munde. Einen Dank sprach er an dieser Stelle Karl Haberkorn aus, der seinerzeit als Landrat die Inklusion mit angestoßen habe. Durch seine Bereitschaft sei "die Pflanze über die Lebenshilfe hinaus in Vereine und Gruppen eingegangen." Neben der Ansprache der bayerischen Staatsministerin Emilia Müller als Schirmherrin dieses Projekts (der NT berichtete) wurden den Gästen eine Reihe von Beiträgen aus diesem Projekt vorgestellt. Projektleiterin Christina Ponader stellte fest, dass gut 15 Organisationen und Vereine dem Netzwerk angehören. "Deshalb ist es außerordentlich wichtig, dass regelmäßige Treffen stattfinden."

Wie Ponader mitteilte, erfahre das Projekt auch eine wissenschaftliche Begleitung. In der Stadthalle konnte hierzu Professor Reinhard Markowetz von der Ludwig-Maximilians-Universität München einige Ausführungen machen. Dieser hatte beobachtet, dass vieles aufgebaut werde, Neues hinzukomme und immer mehr beim Netzwerk aktiv mitmachten. "Wenn für Menschen mit und ohne Behinderungen gute Lebensbedingen im ländlichen Raum geschaffen sind, dann hat sich der Weg gelohnt."

"Sprache kann wehtun." Unter diesem Slogan stellte Friedrich Wölfl von der Werkstatt Leichte Sprache fest, dass es auch sprachliche Barrieren gebe. Mit der Möglichkeit der Leichten Sprache könnten diese auch abgebaut werden. "Selbst die einfache Sprache ist eine Wissenschaft für sich", betonte der Redner. Denn es sei ein anderer Satzbau, und vor allem der Wortschatz werde heruntergefahren.

Viel Arbeit machten sich die Schüler der Klasse 9 b der Realschule im Stiftland aus Waldsassen mit ihrem Klassenlehrer Reiner Summer. Sie stellten das Filmprojekt "Inklusion in der Schule - Begehung der Realschule Waldsassen" vor. Schulweg, Bushalteplatz und das gesamte Schulgebäude seien unter die Lupe genommen worden. Dabei seien viele Schwachstellen festgestellt worden, die einen Menschen mit Behinderung in seiner Freiheit einschränken. Angefangen von zu schweren Türen, über Bodenkanten, unebenes Wegepflaster bis hin zu den Toiletten.

Selbstständig wohnen


"Die Schüler gehen heute mit ganz anderen Augen durch die Schule", stellte Lehrer Summer fest. "Mit solchen Schulprojekten wächst eine Generation heran, die die Integration und Inklusion in die Köpfe der Jugend bringt." Einen Einblick in die Berufsschulstufe des Förderzentrums gab Stefanie Hetz. Unter anderem werden die Schüler angeleitet, selbstständig zu wohnen. Viele von ihnen durchliefen Praktikas. Aber auch Busfahren und Fahrradfahren werde gelehrt. Dies alles sei Grundlage dafür, dass die Menschen mit Behinderung nach Möglichkeit ein selbstbestimmtes Leben führen können.

"Es ist eine hochqualifizierte Arbeit, die unsere Mitarbeiter für die Gesellschaft erbringen." Das stellte Maximilian Schmid von der Stiftlandwerkstätte St. Elisabeth in Mitterteich zum Thema Inklusion und Arbeit heraus. Derzeit werden 200 Menschen mit Behinderung beschäftigt. Bislang seien auch neun sogenannte Außenarbeitsplätze geschaffen worden. "Wir sind stetig im Wachsen." Ziel sei es, die Leute auf den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln.

Berthold Kellner, Geschäftsführer der Lebenshilfe im Landkreis Tirschenreuth, informierte über die betrieblichen Aktivitäten der Integrationsfirma Arbeit-und-Lebenshilfe-gGmbH, die einen Reinigungsdienst führt, die Buchhandlung St. Peter mit Internetshop übernommen hat und den Kiosk und die Caféteria des Bezirksklinikums in Wöllershof betreibt.

"Es sind alles tolle Betriebe, in denen das Herzblut der Mitarbeiter dahinter steht", so Kellner. "Wir würden gerne mehr Menschen mit Behinderung beschäftigen", stellte er klar. Doch das Problem sei vor allem die Mobilität. Er fordert deshalb gleiche Lebensbedingungen für Stadt und Land.

Wenn für Menschen mit und ohne Behinderungen gute Lebensbedingen im ländlichen Raum geschaffen sind, dann hat sich der Weg gelohnt.Professor Reinhard Markowetz
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