Erbendorf im Pokémon-Fieber
Die virtuelle Suche nach den kleinen Monstern

Kampfarena beim Kriegerdenkmal: Am Unteren Markt lohnt sich ein Besuch für Pokémon-Fans wie den Erbendorfer Marcel Kuiper. Bild: pckl
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Erbendorf
21.07.2016
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Marcel Kuiper jagt gern. Nicht im Wald, sondern am Unteren Markt in Erbendorf. Nach der Arbeit trifft er sich mit Kollegen, um die Stadt nach Pokémon abzusuchen. Manchmal finden sie viele, manchmal gar keine.

Wie viele dem Pokémon-Go-Hype verfallen sind, sieht man, wenn man aufmerksam durch die Straßen geht. Aus allen Richtungen tauchen sie auf, in Gruppen oder alleine. Es dauert nicht lange, bis Marcel auf drei andere Pokémon-Jäger trifft. Josef (16), Philipp (17) und Benni (17) haben gerade ein "Pikachu" gefangen. Auch sie spielen leidenschaftlich gerne. Das Spiel müsse aber auch Grenzen haben, meint Josef: "Manche spielen sogar in der Schule und verlassen den Unterricht, wenn sie ein Pokémon finden."

Immerhin draußen


Marcel ist ein Fan. "Der Vorteil ist, dass man viel draußen unterwegs ist. Man kann auch mit Freunden gemeinsam Pokémon jagen oder neue Leute kennenlernen", erzählt er. Bewegung ist eine Voraussetzung für das Spiel. Um ein Pokémon-Ei "auszubrüten", muss man sich je nach Art mehrere Kilometer bewegen. Auch, um zu den Arenen und Poké-stops zu gelangen, muss der Spieler laufen. Marcel findet das gut: "Besser als daheim vor dem Fernseher zu sitzen." Er spielt, wenn er Zeit hat, bezeichnet sich aber nicht als "süchtig". "Ich mache in meiner Freizeit auch andere Sachen", sagt er. Einige seiner Freunde verbringen aber jede freie Minute mit dem Spiel.

Die Vier sind sich aber einig: "Gespielt wird nur außerhalb von Schule und Arbeit." Pokémon Go habe durchaus Suchtpotential, glauben sie. Auf Dauer werde sich das Spiel aber wahrscheinlich nicht halten können: "Der Sommer ist die ideale Zeit, um so ein Spiel herauszubringen. Spätestens, wenn der Winter kommt, wird vielen die Lust vergehen", denken sie. Das Thema Datenschutz behalten sie im Hinterkopf, von Hacker-Angriffen haben sie schon gehört. Große Sorgen machen sie sich jedoch nicht.

Nicht begeistert


Allerdings teilen nicht alle jungen Leute in Erbendorf die Begeisterung: Einige Jugendliche können mit dem neuen Trend überhaupt nichts anfangen. Stefan (17) ist einer von den Skeptikern: Er findet es "einfach nur sinnlos, den ganzen Tag mit dem Handy in der Hand herum zu laufen" und auf den Bildschirm zu starren. Er hat keine Lust, das Spiel auszuprobieren. Über Leute, die für die Jagd nach Pokémon sogar sich und andere in Gefahr bringen, kann er nur den Kopf schütteln. Vor allem im Verkehr solle man auf das Spiel besser verzichten, sagt der Fahrschüler.

Auch Michael ist bekennender Pokémon-Hasser: "Die halbe Welt hängt sowieso nur noch am Handy. Persönlich wird fast nichts mehr ausgemacht." Keiner wisse mehr, wo er eigentlich hinläuft. Das stört ihn. Michael sitzt viel lieber mit seinen Freunden zusammen und unterhält sich. Ohne Smartphone.

Darum geht´s bei Pokémon GoIn größeren Städten finde man Pokémon, Arenen und Pokéstops an jeder Ecke, erzählt Marcel Kuiper. Doch auch in Erbendorf kann sich ein Streifzug lohnen. Vor allem bei der Schule und der katholischen Kirche gibt es mehrere Treffpunkte, zum Beispiel am Schulschwänzer-Brunnen oder am Rittinger-Schild. Nach der Schule kommen die Jugendlichen hierher, um zusammen zu spielen, zu kämpfen und zu tauschen. Auch im Stadtpark sollen sich viele kleine Monster herumtreiben. Arenen befinden sich beim Kolpinghaus, der evangelischen Kirche und am Kriegerdenkmal. Pokéstops sind bei der katholischen Kirche, dem Friedhof oder am Seniorenheim. In den Dörfern rund um die Stadt schaut es schlechter aus. Philipp aus Thumsenreuth erzählt, dort gebe es nur eine Arena und wenige Pokémon. Auch in Wetzldorf muss ein Spieler länger auf die Suche gehen. Nur in der freien Natur kann man Pokémon Go nicht spielen. Dort gibt es weder Monster noch Zubehör.

Pokémon Go ist ein"Augmented Reality Spiel", die reale Welt ist auf dem Smartphone-Bildschirm sichtbar, jedoch um bestimmte virtuelle Komponenten erweitert. In diesem Fall sind das die Pokémon und das Zubehör für Kampf und Jagd. Der Spieler muss sich in der realen Welt fortbewegen, um auch im Spiel weiterzukommen. Der eigene Standort wird per GPS ermittelt.

Dadurch wird die unmittelbare Umgebung des Spielers zum Spielfeld. Das Ziel ist, möglichst viele der Monster zu fangen, sie zu züchten und gegeneinander kämpfen zu lassen. In Arenen können Pokémon gegen die der Mitspieler antreten und die Arena erobern. An den Pokéstops erhalten Spieler Pokébälle, mit denen wilde Pokémon gefangen werden, und andere Belohnungen wie Tränke oder Lockmodule, die die Jagd erleichtern. Arenen und Poké-stops finden sich bei auffälligen Gebäuden oder anderen markanten Punkten. (pckl)


AngemerktSteinpilze als Ersatz-Pokémon

Von Carolin Böckl

Menschen, die durch die Stadt laufen und auf ihr Smartphone starren, sind kein ungewöhnlicher Anblick. Die Besonderheit: Manche dieser Menschen sehen etwas, was andere nicht sehen. Nämlich Pokémon, kleine Monster, die mitten auf dem Weg auftauchen, bereit, gefangen zu werden. Wieder ein neuer Trend, dem die Welt nachjagt. Ich halte mich von diesem Trend so weit wie möglich fern.

In meiner Freizeit mache ich lieber andere Sachen. Zum Beispiel "in d' Schwammer göih". Stundenlang könnte ich durch den Wald laufen, den Blick immer auf den Boden gerichtet. Alles für das Glücksgefühl, einen Prachtkerl von Steinpilz im Moos zu entdecken. Und noch einen. Und noch einen. Ich muss sie alle haben. Nur noch ein kleines Stück weiter gehen, am besten, bis kein Pilz mehr steht.

Da fällt mir auf, dass der Unterschied zwischen mir und den Pokémon-Jägern gar nicht so groß ist. Langsam verstehe ich, wo der Reiz liegt. Steinpilze sind also meine Pokémon. Und das Beste: Meine Ersatz-Pokémon sind essbar.

redek@zeitung.org
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