Kur für Körper und Seele

Renate Heindl aus Erbendorf und Josef Prem aus Moosbach sind seit 2005 fast jedes Jahr bei der BR-Radltour dabei. Das Radfahren gehört für sie zum Leben. Bild: pckl
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Erbendorf
30.07.2016
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Renate Heindl aus Erbendorf und Josef Prem aus Moosbach sind seit 2005 fast jedes Jahr bei der BR-Radltour dabei. Das Radfahren gehört für sie zum Leben. Bild: pckl

Am Sonntag startet die BR-Radltour in Marktredwitz. Mit dabei ist Renate Heindl aus Erbendorf. Und das nicht zum ersten Mal. Mit der Tour verbindet sie viele Erinnerungen. Auf die Station in der Heimatstadt freut sie sich besonders.

"Es ist wie eine Sucht", sagt Renate Heindl. 2005 war sie das erste Mal dabei, gemeinsam mit ihrem 62-jährigen Lebensgefährten Josef Prem aus Niederland bei Moosbach. Vorher haben sie die Tour in den Medien verfolgt, 2005 wollten sie selber dabei sein. Seitdem haben die beiden fast keine BR-Radltour ausgelassen. Manchmal denkt sie sich: "Was habe ich mir wieder angetan? Doch dann trifft man alte Freunde und Bekannte wieder und schließlich freut man sich doch." Die 58-Jährige hat es nach 38 Jahren in der Pflegebranche im Kreuz. Sie braucht das Radfahren. Für sie ist es wie eine Kur, oft hat es sie gerettet und wieder aufgebaut, erzählt sie.

Dieses Jahr wäre die Kur beinahe ausgefallen, denn mit der Anmeldung war es gar nicht so einfach. Die 1000 Startplätze werden per Los verteilt. Als Heindl und Prem hörten, dass sie keinen Platz bekommen, gaben sie nicht auf. Mehrmals riefen sie bei den Organisatoren an und fragten nach, so lange, bis sie als Nachrücker doch noch angenommen wurden. Diese Tour wollten sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.

Schöner als im Urlaub


Sie haben schon viele Städte Bayerns gesehen, aber durch die Heimat zu radeln, ist etwas ganz Besonderes. Sie sind schon gespannt, was die Mitfahrer von Erbendorf halten. Die beiden hoffen, nur Gutes zu hören. Denn sie sind stolz auf die Stadt, und die Tour ist auch eine tolle Werbung für Erbendorf, finden sie. Für Heindl ist die Radtour schöner als jeder Urlaub. Hier gewinnt sie Abstand vom Alltag, muss nicht an den Haushalt, ans Putzen und Kochen denken, sondern nur fahren. Fast den ganzen Tag. "Man merkt erst, wie schön es in Bayern ist. Das bekommt man nicht mit, wenn man mit dem Auto fährt."

Die zwei Hobbyradler verbinden gern das Vergnügen mit dem Nützlichen. Die Veranstalter empfehlen, vor dem Start der Tour mindestens 500 Kilometer zu fahren, um das tägliche Pensum von etwa 80 Kilometern zu bewältigen. Gute Vorbereitung ist wichtig. Auch, um sich an die Witterungen zu gewöhnen. Denn gefahren wird bei jedem Wetter, egal ob bei 40 Grad oder im strömenden Regen. Angst habe sie nur vor Gewittern, alles andere sei auszuhalten.

Heindl schafft die 500 Kilometer locker, denn so oft es geht, erledigt sie Besorgungen auf dem Rad. Einkäufe, so lange sie nicht zu schwer sind, transportiert sie mit dem Korb oder im Rucksack. Auch zum Friedhof, nach Pechbrunn und Friedenfels fährt sie regelmäßig. Besonders die Nähe zur Natur genießen sie und Prem. "Man sieht viele Tiere und Pflanzen, und wie sie sich im Lauf des Jahres verändern." Sogar Wildschweinen sind sie begegnet. Natürlich ist es etwas anderes, mit 1000 Menschen in der Gruppe zu fahren als nur zu zweit.

Ohrstöpsel unverzichtbar


Ein Spaziergang ist die Radtour nicht immer, sie ist auch eine Zeit der Entbehrungen für die Fahrer. Übernachtet wird in großen Hallen mit jeweils einigen Hundert weiteren Teilnehmern. Abends nimmt sich jeder eine Matratze vom Stapel und sucht sich einen Platz auf dem Boden. Die Plätze am Rand sind am schnellsten weg. Ohrstöpsel gehören zur Grundausstattung, denn am schlimmsten seien die Schnarcher. Auch das Duschen ist eine Herausforderung. 400 Leute im kleinen Waschraum einer Sporthalle, da muss es immer schnell gehen. Oft ist das Wasser nur noch kalt, wenn man etwas später kommt. Manche Fahrer nehmen sich ein Zimmer in einem Hotel oder einer Pension, aber für Renate Heindl und Josef Prem gehört das einfache Leben dazu. "Man wird genügsamer, ist mit den kleinen Dingen zufrieden", schildern sie. Die große Gruppe zieht die beiden aber auch mit. Sie fahren schneller als sonst, sogar noch in der Zeit nach der Tour.

Es gebe natürlich auch Egoisten, die Plätze reservieren, auf drei Matratzen schlafen oder schon um fünf Uhr morgens aufstehen und die anderen wecken. Aber man werde einfach entspannt und regt sich irgendwann nicht mehr auf. Die meisten Erfahrungen der Erbendorferin sind positiv. "Die Leute sind freundlich und hilfsbereit, Streitigkeiten gibt es kaum. Überall wird uns ein begeisterter Empfang bereitet. Die Menschen lachen, winken und klatschen, wenn wir vorbeifahren. Manche haben sogar Tränen in den Augen." Heindl ist gerührt von so viel Freude und Herzlichkeit. Die Begegnung mit Menschen ist für sie eine Bereicherung. Eine Frau hatte im Hochwasser den gesamten Besitz verloren, war depressiv, zutiefst verzweifelt. Die Teilnahme an der Radltour gab ihr wieder Kraft und neuen Lebensmut. Für Heindl ist diese Frau ein Vorbild.

Jede Sekunde genießen


Ein eindrucksvolles Erlebnis war ein Streckenabschnitt durch München. Die Bevölkerung stand nicht nur am Rand, sondern fuhr selber mit. Und so radelten die beiden inmitten von mehr als 10 000 Menschen über den Mittleren Ring. "Ein unglaublicher Anblick." Prem lacht: "Außerdem ist die Radltour die einzige Gelegenheit, zu der man ungestraft über rote Ampeln oder sogar auf der Autobahn fahren kann. Man darf sich nur nicht daran gewöhnen."

Auch die Events am Abend bleiben im Gedächtnis. Chris de Burgh, Albert Hammond, Frida Gold, Nik P. und viele andere haben sie schon gesehen. Sie sind froh, auch Roger Cicero vor dessen Tod auf der Bühne erlebt zu haben. Nach einem anstrengenden Tag auf dem Rad sofort zu schlafen, ist für die Erbendorferin und den Moosbacher keine Option. Sie wollen sich nichts entgehen lassen und jede Sekunde genießen.

Ein Leben ohne Radfahren kann sie sich nicht vorstellen. Auf der BR-Radltour hat sie unzählige schöne und aufregende Momente erlebt, viele interessante Menschen kennengelernt. Auf keines dieser Erlebnisse möchte sie verzichten. Die beiden können den Beginn der Radtour kaum noch erwarten. Das Kribbeln vor dem Start, die Spannung, bis es endlich losgeht, sind auch nach so vielen Jahren immer noch da.
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