Rehe aus der Luft retten

Thomas Gradl und Anselm Dötterl fliegen im Zweimannbetrieb mit einem Quadrokopter über ein Maisfeld in der Region, um Wildtiere aufzufinden und sie zum Beispiel vor Erntemaschinen zu retten. Bilder: hdl (2)
Vermischtes
Erbendorf
27.08.2016
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Mit der Wärmebildkamera erkennt man ganz genau, dass sich im Feld ein Wildtier (hier ein Reh) aufhält, da die Stelle rot eingefärbt ist. Mit Hilfe der GPS-Daten kann das Tier dann gerettet werden.

Wildtiere suchen, Rehkitze retten, Schädlinge erkennen. Ein Multikopter ist vielfältig einsetzbar. Er ist nicht nur reines Hobby-Flug-Objekt, sondern kann auch professionell und sinnvoll eingesetzt werden.

Die gebürtigen Erbendorfer Thomas Gradl und Anselm Dötterl junior, Mitarbeiter der Barbinger Firma "Globe Flight", haben seit einigen Monaten immer mehr Kunden in der nördlichen Oberpfalz - darunter auch in Erbendorf, Tirschenreuth und im Kemnather Land. Sie fliegen zum Beispiel die Felder der Landwirte ab, um frühzeitig Schäden zu erkennen. Obwohl Drohnen derzeit heftig in der Kritik stehen, sind die beiden Piloten von dieser neuartigen Technik vollkommen überzeugt.

Nach Sonnenaufgang


Die Sonne ist gerade erst aufgegangen, aber Thomas und Anselm stehen schon mit Fernsteuergeräten am Rande eines Feldes. Was sie dort tun? Es sieht nach Spaß aus, doch tatsächlich arbeiten die beiden mit einem ernsten Hintergrund: Sie fliegen mit einem Multikopter (nicht zu verwechseln mit Drohnen), das Feld eines Landwirts ab. Heute suchen sie nach Wildtieren, die das Maisfeld in den letzten Wochen mehrere Male stark in Mitleidenschaft gezogen haben.

In einem Raster steuern die beiden über das Feld, so dass sie die Tiere in Echtzeit lokalisieren können. Die Wärmebildkamera zeichnet Temperaturunterschiede auf, so alle Tiere erkannt werden können. "Im Sommer müssen wir sehr früh starten, damit der Wärmeunterschied groß genug ist. Doch dann liefert uns die Kamera exakte Bilder. Wir können ganz klar differenzieren, ob es sich um ein Reh, Wildschwein oder einen Hasen handelt", erklärt der 27-jährige Thomas Gradl. Mit den aufgenommenen Bildern kann der Landwirt dann weitere Maßnahmen einleiten, zum Beispiel die Umzäunung des Feldes oder das Vertreiben der Tiere.

Vor der Ernte sind die Aufnahmen besonders wichtig, damit die Wildtiere nicht von den Erntemaschinen verletzt werden. Da die Suche in solch einer Situation immer live abläuft, wird das Wärmebild-Material im Nachhinein nicht benötigt, da die Tiere direkt gerettet oder versorgt werden.

Stoßzeit im Sommer


Schon länger werden Multikopter für viele Aufgabengebiete, in der Luftaufnahmen benötigt werden, eingesetzt. Seit 2008 bietet die Oberpfälzer Firma "Globe Flight" auch Landwirten, Förstern und Unternehmern diese Möglichkeit an. Bereits mehrere Jahre sind Anselm Dötterl aus Sassenhof und Thomas Gradl aus Erbendorf Teil des Teams und Spezialisten im Bereich zivile Drohnen und Kameratechnik. Vorrangig arbeiten sie zwar im Verkauf der Systeme, doch die Abwechslung in der Dienstleistung gefällt den beiden sehr gut. Vor allem im Sommer erhalten sie viele Anfragen. "Zu Stoßzeiten haben wir mehrere Einsätze in der Woche", berichtet der 29-jährige Dötterl.

Viel schneller


Für ein 15 Hektar großes Maisfeld benötigen die beiden beispielsweise eine knappe Stunde. Bei der Suche nach Rehkitzen und deren Rettung sind es 10 bis 15 Hektar. Für das, was die beiden in nur wenigen Minuten erledigen, müssten ansonsten mehrere Personen Stunden investieren. "Zudem ist der Einsatz von Multikoptern weitaus genauer als die Suche am Boden", versichert Gradl als Spezialist im Bereich Infrarotsysteme.

In der Forst- und Landwirtschaft können ebenso Borkenkäferschäden, der Zustand von Erntepflanzen sowie Schädlingsbefall durch multispektrale Analysen frühzeitig erkannt und damit hohe finanzielle Ausfälle gemindert werden. Die Bilder im visuellen Spektrum können darüber hinaus zur Dokumentation und Vermessung verwendet werden. Sie dienen auch zur Planung von Düngung und Rodung.

Industrie und Feuerwehr


Im industriellen Bereich setzt "Globe Flight" die Drohnentechnik zur Photovoltaik-, Pipeline- und Gebäudeinspektion ein. Auch Polizei, Feuerwehr und Filmemacher zählen zur Kundschaft. Natürlich konnten Gradl und Dötterl nicht ohne vorherige Einweisung mit einem Multikopter losfliegen. Eine spezielle Schulung führte sie in die luftrechtlichen Vorschriften ein. Beispielsweise müssen sie genau über die erlaubte Flughöhe von 100 Metern, Flugverbotszonen sowie die gewerblichen Voraussetzungen Bescheid wissen. Vor und nach den Einsätzen müssen sie sogar teilweise die Polizei über den Einsatz informieren. So können die Beamten besorgte Anrufer ("Ich habe ein Ufo gesehen") beruhigen.

Schulungsangebote


Damit Jäger, Tierschützer und Landwirte die Systeme selbst einsetzen können, empfehlen die zwei jungen Männer eine Schulung bei erfahrenen Piloten wie ihnen, so dass alles korrekt und sicher abläuft. Seit 2015 bietet die "Globe Flight Academy" ein- oder mehrtägige Seminare mit rechtlichen und praxisorientierten Inhalten sowie einer Zertifizierung zum Abschluss an. (Hintergrund )
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