Tagebuch von Joseph Höser aus Zeit des Ersten Weltkriegs
Schatz im Stadtarchiv

Russische Kriegsgefangene, die während des Ersten Weltkriegs in Erbendorf lebten und arbeiteten.
Vermischtes
Erbendorf
08.08.2016
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Das "Chronikbuch" im Stadtarchiv umfasst insgesamt knapp 600 Seiten.

"Chronik der Stadt Erbendorf." So titelt ein ganz besonderes handgebundenes Buch im Stadtarchiv. Erst auf den zweiten Blick entpuppt es sich als wahrer Schatz, der eine begeisternde Zeitreise bietet.

Denn neben geschichtlichen Aufzeichnungen von Zeitgenossen in der Zeit von 1835 bis 1910 enthält es handschriftliche Tagebuchaufzeichnungen des Erbendorfer Heimatforschers und Lehrers Joseph Höser über die Jahre des ersten Weltkriegs, vor allem über das Leben der in Erbendorf untergebrachten Kriegsgefangenen.

Neben Kurznotizen, später auch Zeitungsausschnitten, gehen die Niederschriften auf viele Ereignisse ein. Beispielsweise auf die Grundsteinlegung des Rathauses 1838 (heute das Geschäft Rose), die feierliche Inbetriebnahme der Wasserversorgung 1904 oder zwei Jahre später der elektrischen Straßenbeleuchtung.

Euphorie schwindet schnell


"Besonders wertvoll sind in diesem Buch die Aufzeichnungen des Zeitzeugen Joseph Hösers zum Ersten Weltkrieg", stellte Archivpfleger Jochen Neumann fest. Auf gut 200 Seiten schrieb er die Geschehnisse ab dem 31. Juli 1914 nieder, teilweise versehen mit Zeitungsausschnitten. "Beim Lesen merkt man Hösers Euphorie zu Beginn des Krieges, die je weiter der Krieg fortschreitet, gegen Null sinkt."

Von "Hurra- und Abschiedsrufen" schreibt Höser zu Beginn des Krieges, als mit Blasmusik die ersten Soldaten am Nordbahnhof verabschiedet wurden. Ausführlich notierte der Chronist die ersten Meldungen über Gefallene aus Erbendorf, die sich aber bis zum Ende des Krieges nur noch auf den Namen und das Sterbedatum beschränkten. Ebenso beschreibt Höser auch die ersten Einschränkungen für die Bevölkerung, beispielsweise den Petroleummangel im Winter 1914/15 oder die Einführung der ersten Lebensmittelmarken. Diese hat er übrigens fein säuberlich in seine Aufzeichnungen mit eingeklebt. Angefangen von der Fleischmarke bis zur "Brodmarke"

Wie es vor den Verkaufsstellen zuging, schildert der Chronist im Sommer 1917: "... bald hockte die Menge in sengender Sommerhitze wie ein Bienenschwarm an der Haustüre. Aneinandergepreßt und von Schweiß triefend, schwätzend und schimpfend hing der Klumpen - ein Verkehrshindernis bildend - an der Thüre. Erst nach 10 Uhr wurde das Tor geöffnet. Bei der Fleischverteilung ging es natürlich lebhaft zu. Durch das Drängen der Weiber veranlaßt, warf der Metzger die nette Frau Färber Schiffmann durch zurückweisen in unsanfter Weise auf das Pflaster, so daß sie am Kopf eine blutende Wunde erhielt und heimgeführt werden mußte."

Einen breiten Raum in seinen Aufzeichnungen nehmen die in Erbendorf untergebrachten Kriegsgefangenen ein. Als haus-, land- und forstwirtschaftliche Arbeiter kamen am 14. Juni 1915 die ersten 30 russischen Kriegsgefangenen aus dem Gefangenenlager Grafenwöhr nach Erbendorf. Untergebracht waren sie im ehemaligen Feuerhaus (alte Rathausgasse) und später in einem Haus nördlich der alten Fleischbank (Ledergasse).

Die Vermittlung der Kriegsgefangenen an die "Arbeitgeber" übernahm der Stadtmagistrat. Für die russischen Kriegsgefangenen führte Stadtsekretär Franz Reber ein Tagebuch, die sogenannte "Russenkasse", in der sämtliche Einnahmen und Ausgaben aus der Beschäftigung der Gefangenen aufgezeichnet wurden.

Aus der Russenkasse wurden auch die Einrichtungsgegenstände der Kriegsgefangenenunterkünfte wie Blechofen, Haferl, Tische oder Stühle bezahlt. Zur Kriegsweihnacht 1915 konnten sich die Russen über Weihnachtsgeschenke freuen: 8,22 Mark wurden "für gelieferte Waren für die Russen zu Weihnachtsbescheerung" an Fritz Bibel, Konditor in der Bräugasse, ausbezahlt. Bürgermeister Sebastian Schultes überreichte ihnen zu Weihnachten 1916 "100 Stück Zigarren", ebenfalls aus der Russenkasse bezahlt.

Wie Höser schreibt, galten die Russen als sehr arbeitswillig und packten überall mit an. In ihrer Freizeit schätzten sie musikalische Unterhaltung und Tanz, sangen ihre schwermütigen Lieder, die sie mit einer aus Fichtenholz selbst gefertigten Balalaika begleiteten. "Sie aßen viel und fast alles. Nur gegen den grünen Gartensalat zeigten sie anfangs Misstrauen und schoben ihn mit der Bemerkung "Ruß gabut!" zurück.

Zum Teil ohne Aufsicht


Vor allem auf den Dörfern herrschte zwischen den Arbeit gebenden Landwirten und den Russen schnell ein gewisses Vertrauen, das ihnen einige Freiheiten eröffnete. Schon im Juli 1916 berichtete der Stadtmagistrat, dass sich die Kriegsgefangenen zum Teil ohne Aufsicht und in Begleitung der Kinder an Sonn- und Feiertagen in die Stadt begeben und frei bewegen konnten. Die Bewachung durch einen Landsturmmann wurde anfangs sehr streng gehalten, später aber konnte jedermann bei den Russen ein- und ausgehen. Diese durften sich sogar inner- und außerhalb des Ortes frei bewegen. Nur zur Nachtzeit wurde ihr Lager durch den Wachposten mit Schloss und Riegel versehen.

Mit dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918 endete der Erste Weltkrieg. Doch dauerte es noch bis Weihnachten 1918, bis die letzten Kriegsgefangenen nach Grafenwöhr zurückgebracht und von dort in ihre Heimat entlassen wurden. Es wird berichtet, dass einige Russen bereits kurz nach Kriegsende sehr ungeduldig wurden und nachts durchs Fenster nach Grafenwöhr ins dortige Lager flohen, um schneller nach Hause zu kommen.

Wie Neumann anmerkte, sind in diesem Buch zahlreiche Fotos von Gefangenen. "Auf einigen Seiten haben sie sich auch mit ihrer Unterschrift persönlich verewigt."
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