Volker Pöhlmann manchmal am Rand der Verzweiflung
Hirsch Xaver ganz schön auf Draht

Der Schein trügt. Wenn Hirsch Xaver richtig in Fahrt ist, dann geht es im Gehege schon mal rund. Demnächst will der Naturpark übrigens auch noch einen Futterautomat aufhängen, damit Besucher die Tiere zum Füttern an den Zaun locken können.
Vermischtes
Erbendorf
20.04.2017
630
0
 
Hirsch Xaver ist die Attraktion im Rotwildgehege beim Waldhaus im Steinwald. Vor einigen Monaten bangten die Verantwortlichen des Naturparks um das Leben des kapitalen 14-Enders.
 
Naturpark-Geschäftsführer Ernst Tippmann und Volker Pöhlmann, der sich um das Rotwildgehege kümmert, sind froh, dass das Rotwildgehege nun neu eingezäunt ist. Xaver war bereits einmal ausgebüxt und hatte sich sein Zuhause von der anderen Seite der Einfriedung begutachtet. Bilder. wb (2)

Stolz steht Hirsch Xaver - die Attraktion des Rotwildgeheges im Steinwald - auf der Lichtung und lässt sich bewundern. Doch Xaver kann auch ganz anders. Keiner weiß dies so gut wie Volker Pöhlmann. Den früheren "Postler" bringt der kapitale Hirsch manchmal an den Rand der Verzweiflung.

Erbendorf/Pullenreuth. "Der Xaver ist ein ganz Wilder", erzählt Pöhlmann (58). Keiner weiß dies so gut wie er. Seit vielen Jahren betreut er mit seiner Frau Martina für den Naturpark Steinwald das Rotwildgehege beim Waldhaus. In all den Jahren hat er viel erlebt und einiges durchgemacht. Zum Beispiel mit Sissi, einer Hirschkuh. Pöhlmann zeigt Fotos, auf denen Sissi mit einer großen Bauchwunde, die vermutlich von Xavers Geweih stammt, zu sehen ist. Tierarzt Michael Fürst musste die Hirschkuh an Ort und Stelle notoperieren, um ihr das Leben zu retten.

Streicheleinheiten für Sissi


Das ist fast eineinhalb Jahre her. Mittlerweile ist die Hirschkuh wieder obenauf. Sie sucht bei der täglichen Fütterung gerne die Nähe des ehemaligen Postlers, schmiegt sich an seine Beine und holt sich Streicheleinheiten ab. "Eigentlich sollte ich sie nicht berühren ...", weiß Pöhlmann. Aber wenn ihn die Hirschkuh mit ihren großen, "rehbraunen" Augen anschaut, dann wird er schwach. Das Zutrauen kommt nicht von ungefähr. Pöhlmann und seine Frau haben die Rotwilddame vor dem sicheren Tod gerettet. Als "Bambi" war sie von der Mutter nicht angenommen und lag abgemagert abseits des Rudels im Gras.

Also nahm der ehrenamtliche Mitarbeiter des Naturparks das Junge mit nach Hause. Die Familie päppelte es wieder auf: zuerst mit Milch aus der Pipette, später dann mit dem Fläschchen. "Der Laufstall, in dem das Tier untergebracht war, konnte Sissi nicht lange zurückhalten. Bald sprang das Kalb heraus und machte die Wohnung unsicher", erinnert sich Pöhlmann schmunzelnd an die chaotischen Tage. Damals taufte seine Frau Martina die Hirschkuh nach der österreichischen Kaiserin auf den Namen "Sissi". Das war im Jahr 2006. Das Tier ist nie richtig im Rudel angekommen. "Leider ist sie eine Einzelgängerin geblieben", zuckt Pöhlmann bedauernd die Schultern.

Seit 1989 kümmert sich der Mann aus Haselbrunn um das Rotwild beim Waldhaus. Er hat diese Aufgabe von seinem Schwiegervater Otto König "geerbt". Zuerst habe er dem Schwiegerpapa manchmal geholfen, dann habe er hier und da ausgeholfen und nach dem Tod des passionierten Jägers sei er in dessen Fußstapfen getreten, erzählt er.

In einem Gehegebuch, das Pöhlmann führen muss, hält er alle Vorfälle im und rund um das Gehege akribisch fest. Von der Wurmkuhr über die Einlagerung von Quetschhafer und Zuckerschnitzel bis hin zur Sichtung von frisch gekalbten Jungen und dem Abwurf des Geweihs ist darin alles festgehalten. Einige Einträge wird Pöhlmann so schnell nicht vergessen. Zum Beispiel den vom 26. September 2015, als der Xaver ausbüxte und außen statt innen ums Gehege lief. Schnell stellte sich heraus, dass das Tier an einer Stelle die Zaunpfosten abgebrochen hatte. Die acht kaputten Felder wurden repariert und der Hirsch durch den Eingang wieder ins Gehege gelockt.

Für viel Aufregung sorgte auch der Eintrag vom 18. November vergangenen Jahres. Da entdeckte Pöhlmann, dass Xaver bei den Bauarbeiten am Zaun irgendwie an Spanndraht herangekommen war und mit den Enden seines Geweihs aufgespießt hatte. "Es waren ein paar Meter, die der Hirsch mit sich herumtrug", erzählt der Haselbrunner. Bei jedem Besuch war der Draht anders um die Stangen gewickelt. "Wir konnten da nicht mehr länger zusehen, sondern mussten einfach handeln", weiß Naturparkgeschäftsführer Ernst Tippmann.

Hilfe aus Hellabrunn


Zwei Versuche, den Hirsch mit einem Narkosegewehr zu betäuben, um ihn von der Umwicklung zu befreien, scheiterten. Die Spritzen trafen zwar, aber Xaver fiel nicht. Der Naturpark Steinwald holte daraufhin den Rat von Spezialisten des Tiergartens Hellabrunn in München und des Zoos in Nürnberg ein, die mehr Erfahrung mit der Betäubung großer Tiere haben. Die empfahlen, Xaver mit der dreifachen Dosis zu beschießen und ihm von einem Tierarzt sofort ein Gegenmittel spritzen zu lassen, damit er diesen "Hammer" überlebt Die Rettungsaktion glückte und Xaver kam "drahtlos" wieder auf die Beine.

Derzeit ist das Rotwildgehege mit sieben Tieren besetzt: Neben Xaver sind dort vier erwachsene Hirschkühe und zwei Schmaltiere, wie Junge vom Vorjahr fachmännisch genannt werden, untergebracht. Bald könnten wieder ein paar dazu kommen. Die Verantwortlichen hoffen nämlich, dass Xaver auch 2016 wieder für "Bambis" gesorgt hat. Denn zumindest in dieser Beziehung hat der Hirsch, der 2011 von Trausnitz in den Steinwald gekommen ist, brav seine Aufgabe erfüllt. Damals war Xaver übrigens noch ein einjähriger Spießer, mittlerweile ist aus dem Hirsch ein kapitaler 14-Ender geworden.

Zaun am Wildgehege erneuertEin beliebtes Wanderziel war das Wildgehege schon immer. Mit dem Umbau des Waldhauses zur Brotzeitstube hat das Interesse noch einmal deutlich zugenommen. Bei schönem Wetter bekommen Xaver und seine Hirschdamen jede Menge Besuch. Stammgästen - und davon gibt es nicht wenige - fällt in diesen Tagen auf, dass sich am Gehege einiges getan hat. Der Naturpark Steinwald hat es nach vielen vergeblichen Anläufen nun geschafft, den Zaun zu erneuern.

"Alle Mitgliedsstädte und -gemeinden haben zusammengeholfen, damit wir dies schultern konnten", erläutert Geschäftsführer Ernst Tippmann. Nach langwierigen Gesprächen und Verhandlungen ist es ihm gelungen, alle Bürgermeister von der Notwendigkeit dieser Investition von rund 12 000 Euro zu überzeugen. Auch die Sparkassenstiftung, der Landrat und die Güterverwaltung Friedenfels steuerten ihr Scherflein bei.

Das Rotwildgehege ist für den Naturpark eine ungemein symbolträchtige Einrichtung. "1970 wurde der Naturpark gegründet, und das Rotwildgehege war eine der ersten großen Maßnahmen", weiß Geschäftsführer Tippmann. Demnächst soll auch noch ein Futterautomat angebracht werden - vor allem für die Kinder dürfte das 4,5 Hektar große Gehege, das den Naturpark jährlich etwa 5000 bis 7000 Euro kostet, noch attraktiver werden. Der Weg zum Waldhaus und zum Rotwildgehege, das auch Station auf dem Waldhistorischen Lehrpfad ist, ist vom Wanderparkplatz in Pfaben aus ausgeschildert: Gehzeit etwa eine Stunde. (wb)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.