Weckruf für die Gesellschaft

Zu Deborah Breglers Aufgaben in der Stadtbücherei gehört auch das Einräumen von Büchern. Sie ist mit Begeisterung bei der Sache. Bild: pckl
Vermischtes
Erbendorf
15.07.2016
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"Im Familienzentrum Mittendrin wird nicht nur über Inklusion geredet, Inklusion wird hier gelebt", sagt Jessica Wöhrl-Neuber, Leiterin des Familienzentrums. Das beste Beispiel ist ihre neue Mitarbeiterin.

Kemnath. Deborah Bregler aus Waldeck ist eine junge, intelligente Frau am Anfang des Berufslebens, die zeigen will, was sie kann. Die 21-Jährige ist Praktikantin, ab Oktober hat sie eine Festanstellung, die aufgeteilt ist zwischen Stadtbücherei und Familienzentrum. Die Besonderheit: Deborah hat eine Seh-und Gehbehinderung.

Conchita Wurst als Vorbild


"Der Begriff Inklusion wird so oft verwendet, dass er seine Aussagekraft verliert", da sind sich Wöhrl-Neuber und Deborah einig. Deshalb füllen sie den Begriff mit Leben. Stolz zeigt Deborah ihr gerahmtes Autogramm von Conchita Wurst, ihrem größten Vorbild: "Sie ist eine Person, die herausschreit, was sie denkt." So möchte Deborah auch sein. Conchita Wurst ist in ihren Augen ein Weckruf für die Gesellschaft, eine Symbolfigur des Kampfes um Toleranz für Menschen, die anders sind als der Durchschnitt. An Toleranz mangele es oft. Deborah stieß schon oft auf Gegenwind. Im Alltag, etwa beim Einkaufen oder in der Schule, wird sie von den Leuten schief angeschaut, erzählt sie.

Dank Brille und größerem Monitor schränkt ihre Sehbehinderung sie bei der Arbeit nicht wesentlich ein. Sie tut sich jedoch schwer beim Treppensteigen. Besonders die steile Treppe zum Keller ist problematisch. "Was uns fehlt, ist ein barrierefreier Zugang", meint Wöhrl-Neuber. Auch der öffentliche Sprachgebrauch müsse sich ändern, findet Deborah. Pauschalisierungen wie "Die Behinderten" werden der Realität nicht gerecht. Viele Menschen trauen ihr nichts zu, glauben, sie mit Samthandschuhen anfassen zu müssen. Sie möchte das Gegenteil beweisen.

Ihre Behinderung spielt für sie kaum eine Rolle. Deborah kann und will arbeiten. Nicht in einer Werkstatt, auf dem ersten Arbeitsmarkt. Sie brauchte nur jemanden, der ihr die Chance gibt. Diese Chance hat sie nun erhalten. Es sei ihr persönlicher "Song-Contest-Sieg". Das Familienzentrum ist eine Anlaufstelle für die unterschiedlichsten Menschen. Die Devise lautet: Jeder ist willkommen. Auch Deborah fühlt sich wohl. "Die Leute hier haben ein großes Herz", sagt sie. Sie sehen die Persönlichkeit hinter der Behinderung.

"Das kriegen wir hin"


Zu dem Praktikum kam sie durch Zufall. Weil ihr Onkel krank war, ging sie zu einem Kochkurs im Familienzentrum. Dort verstand sie sich auf Anhieb mit Jessica Wöhrl-Neuber. Am Ende des Abends reifte nach einem Gespräch die Idee für das Praktikum. Durch ein vorheriges Praktikum in der Regionalbibliothek in Weiden brachte sie Erfahrungen mit. Sie einigten sich auf ein "Doppelpraktikum" in der Bücherei und im Familienzentrum. Bürgermeister Werner Nickl war sofort begeistert von dem Vorschlag. Auch als Jessica Wöhrl-Neuber die Möglichkeit einer Festanstellung ins Spiel brachte, konnte sie sofort auf Nickls Unterstützung zählen. "Wenn nicht im Mittendrin, wo sonst", lautete sein Kommentar. "Das kriegen wir schon hin." Und der Job war beschlossene Sache. Alles ging so schnell, dass es Deborah zunächst gar nicht fassen konnte.

"Sie ist eine wichtige Unterstützung für uns", sagt Wöhrl-Neuber. "Hier gibt es immer alle Hände voll zu tun." Deborah ist immer "Mittendrin" im Geschehen. Sie ist es nicht gewohnt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Trotzdem kann sie sich vorstellen, auf der Bühne zu stehen, auch wenn ihr jemand die Stufen hinauf helfen muss. Sie möchte die Leute zum Lachen bringen. Humor beweist sie auch als Mitglied im Elferrat des Waldecker Faschingsvereins. Deborah verreist gern. Wien ist eine ihrer Lieblingsstädte. Dort möchte sie gerne hin und ein Konzert von Conchita Wurst besuchen. Einmal war sie schon in Wien, Conchita hat sie aber nicht gesehen. Ein persönliches Treffen mit ihrem Idol ist ein großer Traum von Deborah.

Wöhrl-Neubers besonderer Dank gilt der Stadt Kemnath und Bürgermeister Nickl: "Die Stadt Kemnath ist bereit, sich zu öffnen und kümmert sich um das Wohl ihrer Bürger. Wir haben ein wirklich tolles Team im Rathaus." Diese Meinung teilt Deborah. Sie freut sich schon auf den ersten Oktober, wenn sie endlich im Berufsleben angekommen ist.
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