Erste Kommunalwahl nach dem Krieg vor 70 Jahren
Die Demokratie kehrt zurück

Josef Ficker (Eschenbach), Sebastian Eichermüller (Pressath) und Josef Hagenburger (Grafenwöhr): Nach der Nazidiktatur übernahmen sie als Bürgermeister im Städtedreieck Vernatwortung. Bilder: do (4)
 
Josef Ficker (Eschenbach), Sebastian Eichermüller (Pressath) und Josef Hagenburger (Grafenwöhr): Nach der Nazidiktatur übernahmen sie als Bürgermeister im Städtedreieck Vernatwortung. Bilder: do (4)
 
Josef Ficker (Eschenbach), Sebastian Eichermüller (Pressath) und Josef Hagenburger (Grafenwöhr): Nach der Nazidiktatur übernahmen sie als Bürgermeister im Städtedreieck Vernatwortung. Bilder: do (4)

Der 27. Januar 1946 war ein Festtag der freien kommunalen Selbstverwaltung. Frauen und Männer durften nach der Nazidiktatur wieder an die Urne zur ersten Kommunalwahl nach dem Zweiten Weltkrieg.

Vor 70 Jahren schien es keine Zukunft für unsere Heimat zu geben. Einige mutige Bürger wagten in ihren Heimatgemeinden dennoch erste Schritte des Neuanfangs. Verantwortungsgefühl gab ihnen die Kraft. Mit den ersten Stadt- und Gemeinderatswahlen nach dem Zweiten Weltkrieg gaben sie kurz nach dem Zusammenbruch vom Mai 1945 ein gutes Beispiel.

Kein Mantel


"Die Geschichte ist kein Mantel, den ein Volk ausziehen und in die Garderobe hängen kann", hat Golo Mann gesagt. Dieser Satz trifft auf den Tag vor 70 Jahren besonders zu. Wer ein Erbe antritt, übernimmt auch die Verbindlichkeiten. Dennoch gab es Bürger, die diese Herausforderung wagten. Ihre Zuversicht schöpften sie aus dem Bewusstsein, dass die Kraft eines Neubeginns nur aus der Gemeinsamkeit erwachsen könne. So entstand ein lebendiges Gefühl der Zusammengehörigkeit, gepaart mit dem Prinzip vom christlichen Menschenverständnis. Nimmt man die Weltgeschichte als Maßstab, sind 70 Jahre wenig. Bezieht man die Zeitspanne nur auf die unmittelbare Vergangenheit, dürfen wir vor allem auf die Personen blicken, die diese Periode begonnen haben. Unter diesen Gesichtspunkten gewinnen 70 Jahre kommunale Zeitgeschichte an Bestand.

Nach der Erlaubnis der amerikanischen Militärregierung wurden für die jungen Demokraten die ersten Bürgermeister-, Stadtrats- und Gemeinderatswahlen zur Bewährung. Neben Auerbach als größte Stadt im damaligen Landkreis Eschenbach zeigte die Bevölkerung vor allem Interesse am Stimmverhalten im Städtedreieck Eschenbach/Grafenwöhr/Pressath. Angeführt von Kaufmann Josef Ficker, dem letzten freigewählten Bürgermeister vor der Nazi-Diktatur, reichte in Eschenbach nur der wenige Monate zuvor gegründete Ortsverband der Christlich-Sozialen Union einen Wahlvorschlag ein.

Auf dem Stimmzettel standen 18 Kandidaten für die 11 Sitze. Im Wahlaufruf appellierte Josef Ficker an die Eschenbacher, ihr Recht zur Pflicht zu machen und die zu unterstützen, die sich bereit erklärt hatten, ein verantwortungsvolles Amt anzunehmen. Die ersten "Nachkriegsstadträte" hießen Franz Simon, Ludwig List, Lorenz Löw, Michael Kallmeier, Josef Prösl, Franz Scherm, Wolfgang Schloderer, Johann Steger, Baptist Lunz, Josef Gradl und Georg Reger. Josef Ficker wurde vom Stadtrat zum Bürgermeister und Franz Simon zum Stellvertreter gewählt. Der Rat amtierte bis zur Kommunalwahl 1948.

In Grafenwöhr ersetzte nach Kriegsende 1945 die amerikanische Besatzungsmacht die nationalsozialistischen Bürgermeister durch unbelastete Personen. Zunächst übernahm laut Chronik der Stadt aus dem Jahr 2011 Gustav Brunner im Juli 1945 das Bürgermeisteramt. Im August 1945 setzten die Befreier Josef Hagenburger als Bürgermeister ein. Dem neuen Rathauschef oblag nun auch die Organisation der Stadtratswahl am 27. Januar 1946. Zu Grafenwöhr gehörte nach der Auflösung der Gemeinde Thomasreuth auch Gössenreuth. In freier und geheimer Wahl hatten die Grafenwöhrer 15 Ratsmitglieder zu bestimmen. Gewählt wurden Josef Hagenburger, August Böhm, Michael und Wilhelm Bäumler, Christof und Josef Bauer, Adolf Bausenwein, Ambros Gick, Josef Koberger, Matthias Kraus, Georg Lang, Andreas Renner, Josef Rodler, Hans Sinzinger und Georg Specht.

Der letzte für fast 70 Jahre


Aus ihrer Mitte bestätigte das Gremium Hagenburger. Für Gemeinden über 3000 Einwohner wählte der Stadtrat den ehrenamtlichen Bürgermeister mit einfacher Mehrheit aus seiner Mitte. Zum zweiten Bürgermeister wählte der Rat August Böhm. Die Bayerische Gemeindeordnung vom 18. Dezember 1945 sah nur eine Amtszeit von zwei Jahren vor, die am 4. Februar 1946 begann. CSU-Bürgermeister Hagenburger "regierte" deshalb nur bis 30. April 1948. Erst 70 Jahre später gelang es mit Edgar Knobloch erneut einem CSU-Mann, nunmehr in direkter Wahl durch die Bürgerschaft das Rathaus zu erobern.

Auch in Pressath mit den 1946 zur Stadt gehörenden Ortschaften Feilersdorf, Riggau, Dießfurt, Troschelhammer und Weihersberg stieß der Weckruf auf fruchtbaren Boden. Aus einer Facharbeit von Markus Hammer und den Aufzeichnungen im Pressather Stadtarchiv ist zu entnehmen, dass der junge CSU-Ortsverband und die bereits weit vor der Gleichschaltung bestehende SPD Wahlvorschläge einreichten. Auf der CSU-Liste standen 15, die SPD ging mit 7 Kandidaten ins Rennen um die 15 Mandate. Bei einer Wahlbeteiligung von 92 Prozent in Pressath und von 80 Prozent im Wahlbezirk Pressath-Land gewann die CSU elf und die SPD vier Ratssitze. Alle gewählten Stadträte mussten, wie in Eschenbach und Grafenwöhr, durch die Militärregierung bestätigt werden.

Zunächst parteilos


Aus der Mitte des Gremiums wählte der Stadtrat Maler- und Vergolder-Meister Sebastian Eichermüller zum Rathauschef. Erst im Oktober 1946 trat der in die CSU ein. Der erste freie Stadtrat nach dem Krieg setzte sich aus folgenden Mitgliedern zusammen: Sebastian Eichermüller, parteilos. Josef Ficker, Schuhmachermeister und zweiter Bürgermeister; Josef Prüschenk, Maurermeister und dritter Bürgermeister; Josef Reiß, Mühlenbesitzer; Andreas Reindl, Bauer; Josef Schwärzer, Landwirt und Bäckermeister; Johann Hösl, Landwirt; Jakob Gleißner, Webermeister; Johann Thaller, Kaufmann; Josef Römisch, Landwirt, und Georg Wolfrum, Wagnermeister, alle CSU. Für die SPD waren im Rat vertreten Josef Höfer, Landwirt; Georg Wiesner, Maurer; Karl Gruber, Maurer, und Baptist Kneidl, ebenfalls Maurer.

Wie sich die Zeiten ähneln. Im Juni 1946 sorgte ein Aufruf des staatlichen Flüchtlings-Kommissars für den Landkreis Eschenbach für Aufruhr. Heutzutage drohen manche Großstädte, der Not der Flüchtlinge mit Zwangseinweisungen in leerstehende Gebäude.

"Die Unterbringung von Flüchtlingen ist bisher in den meisten Fällen reibungslos vor sich gegangen und die Quartiergeber haben zum größten Teil Verständnis dafür bewiesen, dass es ihre Pflicht ist, das schwere Los der Ausgewiesenen nach Kräften zu erleichtern und den vorhandenen Wohnraum mit ihnen zu teilen. Einige Ausnahmefälle geben jedoch Veranlassung auf folgendes hinzuweisen: Die Beschlagnahme von Wohnungen zur Unterbringung von Flüchtlingen erfolgt nach den gesetzlichen Bestimmungen. Wer sich weigert, die ihm zugewiesenen Flüchtlinge aufzunehmen, ihnen Quartier zu geben und ihnen die erforderlichen Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände zur alleinigen oder Mitbenutzung zu überlassen, begeht ein Vergehen und wird mit Gefängnis bestraft".

Der Kreistag nimmt die Arbeit auf

Eschenbach. (do) Zu den ersten Beratungspunkten gehörte der Appell des Kreistages an die Mallersdorfer Schwestern, im Krankenhaus Auerbach zu bleiben. Hintergrund war ein Antrag der "Marienbader Armen Schulschwestern", die Betreuung des Kreiskrankenhauses zu übernehmen. Ausdrücklich sprach der Kreistag den Mallersdorfer Klosterschwestern das Vertrauen aus. Nach einer Begründung durch CSU-Fraktionssprecher und Eschenbachs Bürgermeister Josef Ficker und Amtsgerichtsrat Dorner wurde von den Kreisräten ein Antrag der Stadt Eschenbach angenommen, sich an einem Zweckverband für die Ansiedlung der Königsberger Tischler zu beteiligen und zur Vorbereitung zwei Beamte abzustellen.

Außerdem schloss sich der Kreistag einstimmig einem Antrag von Kreisrat und Prälat Gereon Motyka an, dem Landesflüchtlingskommissar vorzuschlagen, "unter Berücksichtigung der völkischen und wirtschaftlichen Struktur" dem Landkreis vor allem Egerländer zuzuweisen.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.