Dr. Knut Thielsen ärgert sich über Kabinett-Entscheidung
Gewissenskonflikt: G8 gegen G9

"Das ist der größte Schmarrn, dass man sich selbst entscheiden muss." Zitat: Dr. Knut Thielsen, Schulleiter des Gymnasiums Eschenbach

G 8, G 9, oder doch beides? Dr. Knut Thielsen, der Leiter des Gymnasiums Eschenbach, findet klare Worte für die Entscheidung des Kabinetts, an bayerischen Gymnasien künftig drei Varianten anzubieten. Die Schulen sollen dabei selbst bestimmen, was sie machen wollen. Die Richtung, die der Eschenbacher Schulleiter einschlagen will, ist aber eine andere, als er vermutlich muss - ein Gewissenskonflikt.

Die Gymnasien in Bayern sollen laut Kultusminister Ludwig Spaenle in Zukunft selbst entscheiden dürfen, ob sie ab dem Schuljahr 2018/19 ein acht- oder neunjähriges Gymnasium anbieten wollen, oder sogar beide Möglichkeiten. Über die neue Freiheit für seine Schule freut sich Knut Thielsen allerdings kein bisschen. Als "Katastrophen-Thema" betitelt er die Entscheidung des Kabinetts. Er befürchtet Chaos.

"Ich bin ein erklärter Befürworter des G 8s", sagt er. Zwar sei die Einführung des achtjährigen Gymnasiums 2004 "dumm gelaufen", trotzdem sei das, was "man mit viel Holterdipolter eingeführt hat, im Grunde nicht so schlecht gewesen", meint er. Dass es funktioniert, beweist laut Thielsen ein benachbartes Bundesland. "Sachsen hat seit über 60 Jahren ein sehr erfolgreiches G 8. Die laufen uns teilweise den Rang ab bei den Leistungen." Manche Kritik am achtjährigen Gymnasium wie die oft genannte fehlende Reife der Schüler kann Thielsen nicht nachvollziehen. "Reif ist man auch mit 20 noch nicht. Wenn es danach ginge, müsste man die Schule nach 13,14,15 Jahren erst abschließen." Zudem solle die Schule keine fertigen Menschen produzieren, sondern das Fundament für einen weiteren Weg legen.

Schulleiter großteils für G 9


Dass Thielsen mit seiner Tendenz zum G 8 unter den anderen Schulleitern ziemlich allein dasteht, ist ihm bewusst. "Es werden sich alle auf G 9 einigen", ist er sich sicher. Thielsen weiß auch, warum. Und dieser Grund lässt ihm ebenfalls keine andere Wahl, als sich gegen seine pädagogische Überzeugung und für das G 9 zu entscheiden. "Wenn ich mich für das G 8 entscheiden würde, würde das heißen: weniger Budgetstunden, weniger Sekretärinnen", erklärt er seine Pflicht als Schulleiter, Arbeitsplätze bestehen zu lassen. "Ich muss dafür sorgen, dass möglichst viele Stunden erhalten bleiben."

Auch die Konkurrenz spielt eine Rolle. "Wenn Weiden und Pegnitz das G 9 machen, und das werden sie, dann werden wir das auch machen." Zweigleisig zu fahren, komme für eine kleinere Schule wie Eschenbach nicht in Frage. Auf diese Weise sei die Entscheidung also schon vorprogrammiert. Dass das derzeitige G 8-Konzept wieder Schnee von gestern sein soll, ärgert Thielsen. "Das ist der größte Schmarrn, dass man sich selbst entscheiden muss. Ich bin sauer, weil der politische Wille, oder der politische Mut fehlt - kann ich nicht richtig entscheiden, was es ist. Von der Regierung erwarte ich, dass sie den Mut hat, eine Entscheidung mal durchzuhalten", schimpft er und meint damit den Schritt vom G 9 zum G 8 vor zwölf Jahren.

Chaos vermutet der Schulleiter vor allem, wenn ein Kind, das in Bayern ein neunjähriges Gymnasium besucht hat, in ein anderes Bundesland umzieht und dort plötzlich nur noch das G 8 angeboten wird. Außerdem müsse für alle Schulen ein neuer Lehrplan aufgestellt werden, es müsste mit zwei verschiedenen Lehrbüchern gearbeitet werden - vor allem an Schulen, die beide Varianten anbieten wollen. "Die Lehrer werden schwitzen", vermutet Thielsen.

Keine Probleme für Schüler


Dass die Schüler Nachteile durch die Umstellung haben, denkt er nicht. Höchstens bei Bewerbungsgesprächen könnte sich der Schüler Fragen à la "Warum haben Sie den längeren Weg gewählt, wollten Sie chillen?" gefallen lassen müssen. Für Thielsen sei die Entscheidung des Kabinetts nicht zu Ende gedacht, aber "wenn die Stammwähler davon laufen, machen wir eine doppelte Lösung", spricht er seine Vermutung aus, die zusätzliche Einführung des G 9s sei auch ein Mittel zur Wählerbindung.

"Mir wäre es lieber, entweder G 8, oder G 9, aber diese flexiblen Lösungen stiften Unheil." Allerdings muss sich Thielsen ab 2018 mit dieser Debatte nicht mehr an vorderster Front auseinandersetzen, denn dann geht er in den Ruhestand. "Ich bin mit der Einführung des alleinigen G 8s gekommen und gehe mit dem Ende des alleinigen G 8s", fasst er zusammen.

Das ist der größte Schmarrn, dass man sich selbst entscheiden muss.Dr. Knut Thielsen, Schulleiter des Gymnasiums Eschenbach
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