Hans Wöhrl erzählt, wie die Marienstatue verschwand und dann doch wieder auftauchte
Madonna im Stadtweiher versenkt

Im Zweiten Weltkrieg war sie die Anlaufstelle für bittende, Trost suchende Frauen und Mütter. Vor der Gottesmutter in der Lourdesgrotte flehten sie um die gesunde Heimkehr des Ehemanns oder Sohnes. Eines Morgens war die Marienstatue verschwunden. Schneller als ein Lauffeuer verbreitete sich am 23. Juni 1941 die Nachricht von der verschwundenen Madonna. Am Vormittag hatte eine Frau in der Grotte, wie immer, ein Opferlicht aufstellen wollen und dabei bemerkt, dass die Marienstatue weg war. Die Meldung machte in der Stadt die Runde.

Die etwa 1,20 Meter hohe Figur ist der Muttergottes nachempfunden, wie sie die heilige Bernadette Soubirous bei den Erscheinungen in der Grotte von Massabielle bei Lourdes beschrieben hat. Weißes Kleid, blauer Gürtel und hellblauer Mantel. Sie war Geschenk einer früheren Eschenbacher Bürgerin an die Stadt und 1905 in der von Stadtpfarrer Michael Fertsch eingeweihten Grotte aufgestellt worden. Hans Wöhrl, langjähriger Stadtförster und leidenschaftlicher Jäger schildert, was damals bei weiten Teilen der Bevölkerung für Unbehagen gesorgt hat.

Pro Tag eine Reichsmark


"Es war im Kriegswinter 1940, als im ganzen ostdeutschen Raum starke Truppenverbände verlegt und privat einquartiert wurden. Auch in Eschenbach wollte man zum einen die Verbundenheit mit den Soldaten zeigen und zum andern zu den kargen Einnahmen aus der Kleinlandwirtschaft ein Zubrot verdienen. Für jeden der aufgenommenen Soldaten gab es pro Tag eine Reichsmark." Auch die Eltern von Hans Wöhrl nahmen vier Soldaten auf.

Kurz vor Weihnachten durften viele Soldaten auf Heimaturlaub fahren, wie Wöhrl erzählte. "Zwei Tage vor dem Heiligen Abend standen zwei junge Soldaten vor unserer Haustür und fragten höflich, ob sie solange bleiben durften, bis ihre Kameraden wieder aus dem Urlaub zurück sind. Sie erzählten uns, dass sie in einem Massenquartier in der Volksschule untergebracht sind und dass es dort sehr kalt wäre. Für meine Eltern war das natürlich ein Grund, die jungen Soldaten aufzunehmen, die bald gesprächiger wurden, als sie im Herrgottswinkel das Kreuz hängen sahen. Dabei hörten meine Eltern, dass die beiden Fratres im Kloster Münsterschwarzach waren und einer ihrer Mitbrüder einige Häuser von den Wöhrls entfernt untergebracht war."

Als die anderen Soldaten wieder aus ihrem Urlaub zurückkamen, machten die Eltern von Hans Wöhrl noch ein Zimmer frei und die Fratres konnten bleiben. Anfang Mai kam für sie ein Brief, in dem ein Mitbruder mitteilte, dass von den örtlichen Machthabern der Nationalsozialisten alle Patres aus dem Kloster Münsterschwarzach vertrieben worden sind. Es kam der 22. Juni 1941, der Tag an dem die deutschen Truppen in Russland einmarschiert sind. Alle einquartierten Soldaten bekamen eine Sonderverpflegung, zusätzlich jeder einen Viertel Liter Rum. Der reichliche, ungewöhnliche Alkoholgenuss und wahrscheinlich auch Übermut waren vermutlich die Auslöser für den Diebstahl der Marienfigur aus der Lourdesgrotte, der die Stadt tief getroffen hatte. "Weder von den bei uns einquartierten Soldaten noch von den drei Fratres war etwas über diese Freveltat zu erfahren."

Madonna im See


Als dann am 24. Juni der erwartete Befehl zum Aufbruch kam, sagte einer der Soldaten, die beim Hartl Lorenz einquartiert waren, zur Tante von Hans Wöhrl: "Tantchen, die Madonna ist im See!" Der Hinweis löste eine große Suchaktion im Rußweiher und im Obersee aus, blieb aber ohne Ergebnis. Erst später, als eines Abends die Gänse von Schorsch Popp aus der Ledergasse nicht heimkamen und er sich auf die Suche gemacht hat, entdeckte er im damaligen Stadtweiher, etwa beim früheren Feuerwehrgerätehaus, im Wasser und Schlamm die Madonnenfigur.

Nach erfolgter Restaurierung der Marienfigur wurde von Stadtpfarrer Augustin Meierhofer ein Dankgottesdienst zelebriert und die Madonna wieder auf ihren Stammplatz zurück gebracht, wo sie seitdem steht.

Abschließend berichtet Hans Wöhrl, dass seine Tante nach einiger Zeit einen Feldpostbrief erhalten hat, in dem einer der bei ihr einquartierten Soldaten geschrieben hat: "Mir geht es den Umständen entsprechend. Unsere Einheit hat durch einen Volltreffer den ersten Toten zu beklagen. Es war jener, der die Muttergottes in den Stadtweiher geworfen hatte."
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