Im Viehwaggon nach Bayern
Vor 70 Jahren Beginn der "geordneten" Vertreibung von Deutschen aus der Tschechoslowakei: Hilde Hasenkopf erzählt von damals

Seit sieben Jahrzehnten lebt sie weit entfernt von ihrer Heimat im östlichen Sudetenland, aber sie ist ihr eng verbunden geblieben: Unter anderem verfasst Hilde Hasenkopf regelmäßig Beiträge für die Heimatzeitung "Altvater". Das bis zu 1492 Meter hohe Altvatergebirge bildete die Grenze zum benachbarten Oberschlesien. Bilder: rn (2)
 
Nicht mehr aus dem Sudetenland, sondern jetzt aus Fulda kommt der "Altvater"-Likör.

Sie trinkt gerne ein Stamperl "Altvater", einen würzigen Kräuterlikör. Und sie liebt Zwetschgenknödel, Mohnkuchen mit Streusel und Striezel. Die kulinarischen Genüsse ihrer Kindheit und Jugend hat sich die 88-jährige Hilde Hasenkopf erhalten - auch wenn sie ihre Heimat verloren hat. Genau 70 Jahre ist das her.

Damals, im Januar 1946, begann die sogenannte "geordnete" Vertreibung der Sudetendeutschen aus der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wiederentstandenen Tschechoslowakei. Ihr vorausgegangen war ab Mai 1945 eine erste wilde Vertreibungs- und Eliminierungswelle. Etwa 2,5 Millionen stand nun - gemäß Artikel XIII der Potsdamer Vereinbarungen - eine "Überführung in ordnungsgemäßer und humaner Weise" bevor.

Von der kollektiven Vertreibung war auch die Familie von Hilde Hasenkopf, geborene Gröger, betroffen. Sie lebte damals in Buchelsdorf, Kreis Freiwaldau, im östlichen Sudetenland und hatte nach Bürger- und Wirtschaftsschule und dem obligatorischen Pflichtjahr in einem landwirtschaftlichen Betrieb 1944 ihre erste Bürostelle erhalten.

Weiße Armbinde


Die Erlebnisse der ersten Jahre nach Kriegsende haben sich tief in ihre Erinnerung eingegraben: "Beim Einmarsch der Russen am 9. Mai 1945 begannen die Angstmonate. Wir Mädchen wurden jeden Tag in anderen Scheunen versteckt. Die Gräueltaten der Russen waren schrecklich. Dann kamen die Tschechen mit der Aktentasche unterm Arm, suchten sich Häuser aus und warfen die Deutschen raus. Wir waren ohne Rechte, mussten die weiße Armbinde mit schwarzem N (Deutsche) tragen und vom Gehsteig treten, wenn Tschechen kamen", berichtet sie. "Mein Vater wurde zunächst ins Gefängnis verbracht und dann nach Zlin in ein Internierungslager überstellt."

Weihnachten 1945 war die Familie zwar noch in ihrem Haus. Doch: "Es herrschte eine sehr traurige Stimmung. Der Großvater war erst verstorben, und wir wussten nicht, ob wir unseren Vater noch einmal sehen werden."

Und dann war auch das Zuhause weg: "Im Januar 1946 kamen 15 Tschechen und besetzten unser Haus. Wir mussten in einem bereits leerstehenden Haus in der Nachbarschaft unterkommen." Auch in der Arbeit änderte sich für Hilde Hasenkopf alles: "Im Büro hatte bereits ein 'Spravce' (Verwalter) die Leitung übernommen. Er drohte mir die Entlassung an, wenn ich nicht Tschechisch lerne. In Folge von Anfeindungen verlor ich Arbeitsplatz und Fahrrad. Bis zur Aussiedlung musste ich Turbinendienst in Schichtarbeit leisten."

"In Viehwaggons gepfercht"


Zur Aussiedlung wurde Hasenkopfs Vater aus dem Internierungslager entlassen. "Er war physisch und psychisch gebrochen", blickt sie zurück. "Als er am Gartenzaun unseres Hauses lehnte - er wusste nicht, dass wir aus ihm verwiesen wurden -, hetzte man den Hund auf ihn."

Wenige Tage später wurde die Familie, die nur wenige Habseligkeiten mitnehmen durfte, nach Niklasdorf in ein Sammellager verfrachtet. Von dort aus ging es in Richtung Westen: "Am 13. Juli 1946, Vaters 46. Geburtstag, wurden wir zu je 50 Personen in Viehwaggons gepfercht und über Furth im Wald nach Bayern verfrachtet. Als wir bei einem Halt in Prag ein wenig das Tor öffneten, flogen uns Steine entgegen."

Am 16. Juli erreichte der Waggon Pressath. "Ein Lkw brachte uns in das Lager Ponyhof in Zintlhammer. Im zugewiesenen Raum befanden sich lediglich ein langer Ofen und Stockbetten. Es waren weder Waschgelegenheiten noch Klo vorhanden."

In der Oberpfalz fing die Familie von Hilde Hasenkopf ganz von vorne an. "Wir gingen viel in den Wald am Judenberg, um Holz und Pilze zu sammeln, die eines unserer Hauptnahrungsmittel waren. Um um Kartoffeln zu betteln, ging ich zu Bauern. Dabei hatte ich oft schlimme, demütigende Erlebnisse."

Der Aufenthalt im Lager Ponyhof dauerte bis 13. November. Danach wurde der Familie ein Zimmer im Anwesen Blechschmidt in Trabitz zugewiesen. Allerdings stand der Winter vor der Tür. "Wir hatten weder Holz, noch Licht, noch Wasser, nicht einmal Tisch und Stuhl. Gutsherr Heindl teilte uns einige Bäumchen zu, die Vater und ich absägen durften. Licht spendete eine Petroleumlampe. Wasser holten wir uns aus dem Grünbach. Weil wir nichts besaßen, hatten die Oberpfälzer wohl den Eindruck, wir wären Zigeuner."

"Himmelfahrtskommando"


"Weihnachten 1946 waren wir sehr arm, aber glücklich darüber, dass wir Vier wieder zusammen waren." Und es ging aufwärts. "Meinem Vater wurde eine Arbeit im Lager Grafenwöhr zugewiesen. Er musste Minen sammeln. Man nannte es 'Himmelfahrtskommando', und wir hatten viel Angst um ihn." Auch Hilde Hasenkopf fand eine Anstellung: Ab 1. Januar 1947 arbeitete sie beim Staatlichen Gesundheitsamt in Eschenbach. "Ich war täglich allerdings drei Stunden unterwegs, um von Trabitz nach Eschenbach und wieder zurück zu gelangen."

Der Rückblick auf das Geschehen vor sieben Jahrzehnten wühlte die 88-Jährige sehr auf. Eine Nacht mit wenig Schlaf war die Folge.

Sehnsucht nach der alten Heimat gebliebenHilde Hasenkopf war 30 Jahre beim Gesundheitsamt beschäftigt. Als die Dienststelle Eschenbach geschlossen wurde, folgten bis zum Ruhestand zehn weitere Arbeitsjahre am Gymnasium. 1953 heiratete sie den aus dem Buchenland (Bukowina) über Oberschlesien geflüchteten Reinhold Hasenkopf. Nach dem Tod des Ehemannes im Jahr 1970 musste sie das Leben mit zwei Söhnen alleine meistern.

In all den Jahren seit der Vertreibung ist die Sehnsucht nach der alten Heimat geblieben. Enge Freunde schenkten Hilde Hasenkopf zum 70. Geburtstag eine Fahrt dorthin. Betroffen und zugleich erfreut sah Hilde 1998 ihr Elternhaus wieder. Es folgten je zwei weitere Fahrten im kleinen Kreis und mit Omnibus.

Die Verbindung zu Heimat- und Schulfreunden nimmt immer noch einen Großteil ihres Alltags ein. Dazu gehören auch seit 1977 die Klassentreffen der "Ehemaligen" der Wirtschaftsschule Freiwaldau - 1995 ging die Veranstaltung, organisiert von Hilde Hasenkopf, in Eschenbach über die Bühne.

In Weilersbach bei Forchheim entstand auf Initiative des Heimatpfarrers das "Heidebrünnel" - ein Nachbau des gleichnamigen Kirchleins am Altvater. Im Abstand von zwei Monaten finden dort Treffen und Gottesdienste statt. Seit 2012 obliegt Hilde Hasenkopf die Organisation. Nicht zuletzt liefert sie regelmäßig Beiträge für die Zeitschrift "Altvater" des Mährisch-Schlesischen Sudetengebirgsvereins. (rn)
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